Lebanon


Handlung

Ein Routineeinsatz bringt den israelischen Soldaten Shmulik in den Panzer. Doch im Töten hat er keine Routine. Der junge Richtschütze in dem Panzer, welcher ihn, den Kommandanten Assi, den Fahrer Jamil und Yigal, den Ladeschützen in den ersten Libanon-Krieg bringt, reagiert verstört auf das Kriegsgeschehen. In der schmutzig-dunklen Enge des Panzers zerfrisst das Grauen der Kämpfe die Psyche der jungen Männer. Durch sein Zielrohr wird der verängstigte Shmulik Zeuge von Tod und Verwüstung. Die Außenwelt wird für die Panzerinsassen zum Alptraumszenario. Unerreichbar und unentrinnbar ergreift die allgegenwärtige Gewalt von ihnen Besitz. Der Panzer wird zum fahrenden Sarg toter Seelen, deren Mission langsam die Form eines ziellosen Selbstmordkommandos annimmt.

Meinung

Am 6. Juni 1982 steigt Shmulik in den Panzer, dessen Inneres einziger Schauplatz der Handlung ist. Sein Eintauchen in die Dunkelheit des Fahrzeugs spiegelt Samuel Moaz Tauchen in das Dunkel seiner Seele. Dorthin hat er seine Erinnerungen verbannt, Erinnerungen, die ihn 25 Jahre lang verfolgten. Am 6. Juni 1982 tötete Moaz zum ersten Mal einen Menschen. In „Lebanon“ verarbeitet der israelische Regisseur, der als junger Mann selbst im ersten Libanon-Krieg kämpfte, seine traumatischen Erfahrungen. Gleich einem Alptraum nimmt sein verstörender Kriegsfilm gefangen. „Lebanon“ ist eine zerstörerische Irrfahrt zwischen Drama, Experimentalfilm und Horror, welche die Grausamkeit des Krieges in erschreckender Authentizität auf die Leinwand bannt. Nur ein unscheinbarer Schriftzug verweist auf das essentielle Datum des 6. Junis. Das Szenenbild zeigt ein Sonnenblumen- feld. Die Blumen lassen ihre Köpfe hängen. Die bedrückende Ruhe ist die Stille des sich ankündigenden Todes. Über der scheinbar friedlichen Szenerie thront der Panzer wie ein grotesker Fremdkörper, unübersehbares Zeichen für den Triumph des Krieges. Er ist Mahnmal und Monument des Todes in einem, ein fahrender Sarg, dessen Insassen im Grunde schon tot sind. Dem physischen Tod können sie vielleicht entkommen, dem psychischen nicht.

„Du siehst nicht das Gesamtbild.“, sagt der Kommandant Assi einem Kameraden. Doch das Gesamtbild kann keiner der Soldaten wahrnehmen. Die Außenansicht wird vom Fadenkreuz des Zielfernrohrs zerschnitten. Jeder Blick der Figuren und der Zuschauer, die wie die Charaktere nur durch das Zielfernrohr die Außenwelt wahrnehmen können, erhält eine aggressive Konnotation. Objekte und Individuen außerhalb sind potentielle Feinde. Mensch und Maschine verschmelzen zu einer lebenden Waffe. „Unser Panzer ist tot.“, sagt einer der Soldaten, als das Gefährt stillsteht. Von der ihnen aufgezwungenen Trichterperspektive können sich die jungen Männer auch nach Ende der Kampfhandlungen nicht befreien. Für sie und Moaz endet der Krieg nicht. Der äußere Kampf weicht einem inneren. Posttrauma-tische Belastungsstörung. Der Begriff scheint zu nüchtern, zu entrückt für das Grauen in „Lebanon“. Ein verwundeter Esel, dem Tränen aus den Augen laufen, eine libanesische Mutter im brennenden Kleid, zwei alte Männer vor einem Backgammon-Spieltisch. Einer von ihnen liegt tot auf dem Spielbrett. In „Lebanon“ gibt es nur Verlierer, auf welcher Seite der Kämpfenden sie stehen, ist egal. Die Grenzen zwischen Gegnern und Verbündeten verschwimmen. Ein syrischer Gefangener wird zu den israelischen Soldaten gesperrt, die selbst Gefangene in der klaustrophobischen Enge ihres Fahrzeugs sind. Irgendwann erklingt geisterhafte Musik, eine Gespenstersonate, welche die Fahrt in den Tod begleitet. Die Außenwelt verzerrt sich zu einem surrealen Konstrukt, als die Mission zur Irrfahrt wird.

„Es gibt keine innere Landkarte, die dir sagt, du bist hier.“, sagt Cutter Lahav-Leibovich über „Lebanon“. “Für mich sind diese letzten Momente, wo weder Zuschauer noch Panzer-besatzung überhaupt irgendetwas verstehen, die Urerfahrung des Krieges.“ Samuel Moaz beklemmendes Werk, welches 2009 auf den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnet wurde, lässt den Zuschauer diese Erfahrung teilen.

Im Fadenkreuz des Krieges.

von Lida Bach



Shmulik: Yoav Donat
Assi: Itay Tiran
Jamil: Zohar Strauss

Yigal: Michael Moshonov
Syrischer Gefangener: Dudu Tassa
Libanesische Mutter: Raymonde Amsellem

Regie: Samuel Moaz | Israel, 2008

Länge: 92 min | FSK: ab 12 | Buch: Samuel Moaz | Kamera: Giora Bejach | Szenenbild: Ariel Roshko | Musik: Nicolas Becker | Schnitt: Arik Lahav-Leibovich | Produktion: Uri Sabat, Einat Bikel, Moshe Edery, Leon Edery, David Silber