Rückkehr ans Meer
Handlung
„Das ist mein Refugium.“, sagt Mousse fast zärtlich über das Haus an der französischen Küste, in das sie sich zurückgezogen hat. Wenige Monate ist es her, dass sie und ihr Freund Louis in einer verlassenen Wohnung im Heroinrausch lebten. Nun ist Louis tot, gestorben an einer Überdosis. Mousse will leben, für das gemeinsame Baby, von dem sie erst im Krankenhaus, wohin sie und Louis bewusstlos gebracht wurden, erfährt. Gegen den Willen von Louis wohlhabender Mutter beschließt Mousse, das Kind zu behalten. In dem Häuschen in einem malerischen Küstenort, wo sie die Geburt erwartet, erhält sie unerwarteten Besuch von Louis´ jüngerem Bruder Paul. Der rastlose junge Mann sucht wie sie nach einem Ruhepunkt. In dem Haus am Meer wächst langsam eine ungewöhnliche Gemeinschaft.
Meinung
In einem Refugium lebt Mousse bereits vor ihrem Rückzug in das Landhaus. Eingekapselt in den Mikrokosmos ihrer Drogensucht vegetieren ihr Partner Louis und sie im Rausch dahin. Das leere Apartment bezeichnet die Unpersönlichkeit von Mousse` Wesen. Fasziniert scheint Regisseur François Ozon von seiner Hauptdarstellerin Isabelle Carré, um deren Person und Schwangerschaft er das Drehbuch gemeinsam mit Matthieu Hippeau verfasste. Aus dem Apartment kommt Mousse ins Krankenhaus, von dort in das Häuschen und wieder ins Hospital. Von einem Kokon kriecht sie in den nächsten. Was Mousse unfähig macht, sich der Außenwelt zu stellen, erfährt man nicht. Für Louis Schicksal macht „Le Refuge“ mangelnde mütterliche Zuversicht verantwortlich: „Haben Sie keine Angst.“, rät eine Spaziergängerin Mousse, „Frauen, die Angst haben, kriegen Kinder, die sich dem Leben nicht zu stellen vermögen.“
Anders als Louis ist Paul frei von der Erbsünde der Furcht. Er ist adoptiert, eine Enthüllung, deren angebliche Tragik aufgesetzt bleibt. Ihr Kind lässt Mousse folglich bei Paul, als sie gen Ende wieder die Flucht ergreift.
Mousse Dasein scheint nur aus Fluchten zu bestehen. Statt nach den psychischen Ursachen zu forschen, rezitiert das Drama einen notdürftigen Brief. Der klingt so manieriert wie die Ballade von Nachthimmel und einem auf Mousse´ Namen anspielenden Sternennetz. Wer kann Franzosen widerstehen, wenn sie nachts Klavier spielen? Ozon nicht. Pauls maximale Sensibilität muss wie die übrigen Emotionen, die „Le Refuge“ nicht zu visualisieren vermag, im Dialog behauptet werden. „Du reagierst nicht wie Andere.“, sagt Mousse zu Paul. Leider doch. Ozons Projektion der eigenen Faszination mit Carrés realer Schwangerschaft wirkt hingegen befremdlich: „Ich will deinen Bauch erotisieren [...] ihn liebkosen. Er ist das Thema des Films.“, heißt es von Ozon im Pressetext zu Carré. Auf der Leinwand wird daraus alberne Fetischisierung. Ein Fremder im Café lädt die Hochschwangere auf einen Quickie in sein „Apartment mit unmittelbarem Blick aufs Meer“ ein, nachdem er ihr das zweite Bier spendiert hat. Mousse Alkoholkonsum ist wie ihre angebliche Attraktivität ein Kuriosum. Verhärmt und gealtert wirkt die Hauptfigur, trotz schmeichelnder Beleuchtung. Viel hätte ein anderer Regisseur aus der herben Schönheit Isabelle Carrés herausholen können, sie zu einer Spur der Sucht oder einer früh verbrauchten Jugend machen können. Ozon zieht es vor, sie zu verleugnen.
Unter der tiefsinnigen Hülle ist „Le Refuge“ ein Prospekt malerischer Plansequenzen, deren arrangierte Schauwerte tiefere Emotionen ersetzen. Die zahlreichen Tragödien ihres Lebens schieben die Charaktere mit einem oberflächlichen Lächeln beiseite. Mehr als ein leichtes Lächeln verdient auch Ozons ansehnliche, doch hohle cineastische Spielerei nicht: „An solchen Orten spielen sich Dramen ab.“, sagt Mousse einmal. Im Kino sieht man davon nichts.
Das Haus am Meer der Gefühle.
Mousse: Isabelle Carré
Louis: Melvil Poupaud
Paul: Louis-Ronan Choisy
Mutter: Claire Vernet
Serge: Pierre Louis-Calixet
Frau am Strand: Marie Rivière
Regie: François Ozon | Frankreich, 2009
Länge: 90 min | FSK: ab 12 | Buch: François Ozon, Matthieu Hippeau | Kamera: Jean-Claude Moireau | Musik: Louis-Ronan Choisy | Schnitt: Muriel Breton | Produktion: Claudie Ossard, Chris Bolzi

