Last Night
Handlung
Philadelphia: Während ihr Ehemann auf Geschäftsreise in New York ist, begegnet die junge Joanna ihrem früheren Partner Alex wieder. Ein gemeinsamer Abend geht in die bitter-süße Romanze einer Nacht über, die Joanna an ihrer Liebe zu ihrem Gatten Michael zweifeln lässt.
New York: Ohne seine Frau, mit der er in Philadelphia eine vermeintlich glückliche Ehe lebt, ist Michael auf Geschäftsreise mit seiner Kollegin Laura. Während sie zusammen durch die Nacht wandern, glüht ihr heimliches Begehren für einander auf und stellt Michaels Gefühle für Joanna in Frage.
Meinung
Die amourösen Erlebnisse ihrer „Last Night“ bringen Begehren und Zweifel zwischen die Liebenden in Massy Tadjedins Drama. Rund 36 Stunden umspannt die Handlung. Die meisten davon herrscht Nacht. Zeit verstreicht subjektiv in Tadjedins Kinodebüt. Sie fliegt dahin wie eine scheinbar zufällige Berührung, verweilt wie ein begehrender Blick. Sie gefriert im Moment der Gewissheit, dass die einzig wahre Liebe nicht die einzige ist. Im Zentrum der reduzierten Handlung steht weniger der Ehebruch selbst, als das Begehren und die Frage, wo ein Betrug des Partners anfängt. Spiegelverkehrt stehen die amourösen Konstellationen in „Last Night“ einander gegenüber. Michael zieht der Reiz des nie gekannten, jedoch aus seinem Berufsalltag vertrauten, in Laura an. Joanna entdeckt in Herzen ihrer alten Liebe Alex einen vertrauten Ort wieder, an dem sie zu lange nicht mehr war, und entdeckt dort auch in der Trennungszeit neu entstandene, fremde Facetten.
Parallel zueinander wandern Joanna und Michael durch ihre nächtliche Stadt, gemeinsam und dabei einander ferner als sie es je in ihrer Beziehung waren. Sie steigen in luxuriösen Hotels ab, sitzen in eleganten Bars, in denen ihnen ihr Begleiter ohne Nachfragen den richtige Drink bestellt, speisen in teuren Restaurants und unterhalten sich mit hippen Künstlerpaaren, kehren Heim in ihr Designerapartment. „Last Night“ spielt in einer Welt von unentrinnbarer optischer Perfektion. Ein zwiespältiges Vergnügen, visuell bestrickend, solange es andauert. Danach bleibt ein schaler Nachgeschmack und das Gefühl emotionaler Leere.
Eindringliche Momente entstehen in dieser Kunstwelt nur selten. Wenn sie es aber tun, sind sie sorgfältig beobachtet und berührend: Das Beobachten einer Geste und der Schmerz darüber, sie nur dieses eine Mal zu sehen, die Erinnerungen an den Ehepartner, die trotz dessen Abwesenheit in der gemeinsamen Wohnung leben. Beständig versichern Joanna und Michael ihrer Umgebung ihre Liebe zum Partner, unterschwellig aber versuchen sie so, sich selbst dieser Liebe zu versichern. Stellvertretend für ihr Unterbewusstsein hinterfragt Alex wiederholt Joannas Glück und nährt ihre unterdrückten Zweifel daran. Sie liebe es, die Wahrheit sagen zu können, sagt Joanna in einer Szene, und weiß dabei längst, dass sie sich selbst emotional belügt. Ihr Ehepartner hingegen scheint frei von solchen Selbstzweifeln. Während Michael seine Verlangen auskosten darf, muss seine Frau sich zwingen, ihre Emotionen noch rigider zu beherrschen.
„Last Night“ wird zu zwei Nächten, die in den selben Tag münden. Sorgfältig arrangiert Tadjedin die hübschen Teile ihres Beziehungspuzzles, das fesselt, bis es zusammengefügt ist. Danach ist das Filmmärchen nicht mehr als eine flüchtige Skizze der Realität und der gewöhnlichen Konflikte, die all die unvollkommenen Menschen jenseits der Kinofiktion quälen. Dramaturgisch ist „Last Night“ unstet und wechselhaft wie die Gefühle der Protago-nisten, überzeugend im einen Moment, unecht im nächsten. Ein Film, so unterhaltsam wie ein One-Night-Stand: Verführerisch anzusehen, für kurze Zeit prickelnd und vergessen, sobald er vorüber ist. Ein Wiedersehen wird es nicht geben. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Die Nachtschwärmer.
Joanna: Keira Knightley
Alex: Guillaume Canet
Michael: Sam Worthington
Laura: Eva Mendes
Truman: Griffin Dunne
Andy: Daniel Eric Gold
Suart: Scott Adsit
Regie: Massaj Tadjedin | USA, Frankreich, 2010
Länge: 90 min | FSK: ab 12 | Buch: Massy Tadjedin | Kamera: Peter Deming | Musik: Clint Mansell | Schnitt: Susan E. Morse | Produktion: Buddy Enright, Christophe Riandee, Massey Tadjedin, Nich Whechsler

