Ladybird Ladybird
Handlung
In einer kleinen Karaokebar trifft Maggie auf den politischen Flüchtling Jorge aus Paraguay. Sofort fasst Maggie Vertrauen zu dem illegalen Einwanderer und beginnt ihm in Bruchstücken von ihrem Leben zu berichten. Schon von ihrem Vater missbraucht flüchtete sich Maggie ihr Leben lang in instabile, von Brutalität durchzogene Beziehungen. Sie bekam vier Kinder von vier verschiedenen Vätern. Als sie von ihrem Freund krankenhausreif geprügelt wurde, schaltete sich das Jugendamt ein und setzte Maggie strenge Vorschriften, damit sie ihre Kinder behalten durfte. Doch als Maggie ihre Kinder eines Abends allein im Frauenhaus zurück ließ, kam es zu einem Brand, bei dem ihr ältester Sohn schwere Verbrennungen erlitt. Er kam in eine Pflegefamilie und kurz darauf wurden Maggie auch ihre restlichen Kinder weggenommen. Jorge bietet Maggie seine Unterstützung an und zeigt ihr das erste Mal in ihrem Leben, was es heißt, bedingungslos geliebt zu werden. Nachdem sie zusammengezogen sind, wird Maggie schwanger.
Auf Grund ihrer Vergangenheit und der Geheimhaltung dieser Schwangerschaft vor den Behörden wird Maggie und Jorge die Tochter kurz nach der Geburt entzogen. Die beiden geben nicht auf und bekommen ein weiteres Kind. Aber das britische Sozialsystem stellt sich ihnen wiederum in den Weg und zerstört die Familie. Trotzdem geben Maggie und Jorge die Hoffnung nicht auf und kämpfen weiter um ihr gemeinsames Glück.
Meinung
“Ladybird, ladybird fly away home,
Your house is on fire and your children are gone,
All except one,
And her name is Ann,
And she hid under the baking pan.”
Diesen Versen hat das Drama von dem britischen Regisseur Ken Loach seinen Titel zu verdanken. Eine weitere Version, welche noch eher auf den Film bzw. die Hauptfigur Maggie zutrifft, lautet:
“Ladybird, ladybird, fly away home,
Your house is on fire,
Your children shall burn!“
Die sozialkritische Handlung beruht auf einer wahren Geschichte. Ken Loach ist dafür bekannt, in seinen Filmen Fiktion und Dokumentation bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen und somit eine fast schon didaktische Wirkung auf den Zuschauer zu erzielen. Der als „Meister des Realismus“ bezeichnete Loach führt dem Zuschauer in den Handlungen Alltagskulturen so vor Augen, dass deren verstörende Realität sich in das Gedächtnis einbrennt. Dass er dabei gelegentlich bei der Dramaturgie über das Ziel hinaus geht, zerstört nicht die dahinter liegenden Botschaften. „Ladybird, Ladybird“ erinnert in seinem Thema an „Cathy, Come Home“ von 1966. Dieser gilt als der erste Film, in welchem Loach sämtliche Stilmittel einsetzte, für welche er in seinen späteren Produktionen berühmt wurde. Auch hier erinnert die Handlung eher an einen Dokumentar- als an einen Spielfilm und er enthält den selben aufklärerischen Charakter in puncto Sozialsystem und Familie wie „Ladybird Ladybird“. Der aus dem Jahr 1994 stammende „Ladybird, Ladybird“ prangert das britische Sozialsystem mit einer detaillierten und ungeschminkten Darstellung des Lebens von Maggie an. Der Zuschauer wird sich unwillkürlich in dem Schmerz um den Verlust der Kinder und in der Ungerechtigkeit der Bürokraten gefangen sehen. Doch wird man in keiner Szene des Films eine Schuldzuweisung finden. Alle Charaktere handeln in einem vorgegebenen Rahmen und sehen kaum Möglichkeiten, aus diesem auszubrechen.
Loach setzt die Familie mit ihren Attributen der Liebe, Geborgenheit und Sorge in den Vordergrund und der Zuschauer erfährt erst am Ende des Films, dass Maggie und Jorge noch drei weitere Kinder bekamen, welche sie behalten durften. Die Anderen sahen sie nie wieder.
Neben der außergewöhnlichen Inszenierung der Geschichte ist der tragende Pfeiler die Schauspielerin Crissy Rock. Ohne bis dato nennenswerte Auftritte liefert die Hausfrau und sechsfache Mutter eine überwältigende Darbietung. Es scheint, als würde sie sich ohne Mühe in die Rolle einfügen, vielmehr diese noch nicht mal spielen müssen, sondern einfach nur sie selbst sein. Für ihr intensives Spiel erhielt die Neueinsteigerin 1994 auf der Berlinale den Silbernen Bären als Beste Darstellerin. Der Film zeigt eine unglaublich berührende Darstellung einer Frau, die trotz aller Verzweiflung und Hindernisse die Hoffnung auf eine intakte, liebevolle Familie nicht aufgibt. Der eigentliche Schrecken in all der schonungslosen Realität stellt die Tatsache dar, dass sich bis zum heutigen Tag nichts an dem eingefah-renen System in England geändert hat.
Achterbahnfahrt der Gefühle.
Maggie: Crissy Rock
Jorge: Vladimir Vega
Regie: Ken Loach | Großbritannien, 1994
Länge: 98 min | FSK: ab 12 | Buch: Rona Munro | Kamera: Barry Ackroyd | Szenenbild: Fergus Clegg | Schnitt: Jonathan Morris | Musik: George Fenton | Produktion: Sally Hibbin

