La Nana - Die Perle


Handlung

„Sie lieben mich. Ich gehöre zur Familie.“, behauptet das Hausmädchen Raquel. Seit 23 Jahren arbeitet sie als Putzfrau, Kinder- und Dienstmädchen „La Nana“ im Haus der Familie Valdes. So sehr fühlt die Hausherrin Pilar sich auf Raquel angewiesen, dass sie deren Sturheit und heimliche Sticheleien gegen die älteste Tochter Camila duldet. Die Familie ahnt nicht, dass die unter Lähmungen und Schwächeanfällen leidende Raquel ihre Aufgaben nur noch mühsam unter Medikamenten bewältigen kann. Nach einem Zusammenbruch Raquels stellt Pilar zu deren Unterstützung eine junge Dienstbotin ein. Was als Entlastung gedacht ist, empfindet Raquel als Bedrohung. Der unattraktiven, vereinsamten Angestellten wird angstvoll bewusst, dass ihre Arbeitgeber ihre einzigen Bezugspersonen sind. Mit hinterhältigen Schikanen ekelt sie zwei neue Angestellte aus dem Haus. Auch der nächsten Hausangestellten Lucy begegnet Raquel feindselig. Doch unerwartet gelingt es Lucy, die emotionale Abschottung der „Nana“ zu durchdringen.

Meinung

Etwas Unsichtbares schwebt zwischen „La Nana“ und der Familie. Ein nie konkretisiertes Geheimnis, um welches die Handlung kreist. Zu Beginn weckt dieses Unsichtbare eine Erwartungshaltung, welche sich schleichend zu subtiler psychologischer Spannung steigert. So übermächtig wirkt das Tabu, dass nicht einmal Sebastian Silva es brechen kann. Mit beeindruckender Beobachtungsgabe spürt der chilenische Regisseur und Drehbuchautor in seinem auf dem Sundance Filmfestival ausgezeichneten Werk den unscheinbaren Details nach, welche das Leben innerhalb der Hausgemeinschaft zärtlich oder quälend machen. Zielstrebig führt er an die psychologischen Abgründe, welche sich in dem komplexen gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis auftun – um den Zuschauer anschließend ratlos vor ihnen zurück zu lassen. Der sich in einer unüberwindlichen sozialen Kluft niederschlagende Unterschied der materiellen Verhältnisse wird weder ausgeglichen noch kritisiert. Wie nahezu alles in Silvas Drama, den persönliche biografische Hintergründe zu „La Nana“ inspiriertem, wird es als Gegebenheit dargestellt. Diese Selbstverständlichkeit mindert trotz der Authentizität die filmische Ausdruckskraft. Paradoxerweise scheint es dieses Gefühl der abstumpfenden Leere, welches eine Verbundenheit zwischen Filmautor, Hauptfigur und Zuschauer schafft.

Die Widersprüche innerhalb der filigranen Beziehungsgeflechte, welche die Familienmitglieder untereinander und mit dem Hausmädchen verbinden, werden nie aufgelöst. Das von unterschwelliger Aversion zu offener Ablehnung wachsende Verhältnis zwischen Camila und Raquel verschwindet nachdem es in zahlreichen Szenen etabliert wurde aus der Handlung, ohne dass es zu einer offenen oder stummen Versöhnung kam. Der jugendliche Sohn Luca reagiert wütend und enttäuscht, als Raquel gezielt seine Privatsphäre verletzt. Später agieren beide, als hätte der Bruch nie stattgefunden. Durch ihre ängstliche Bemühtheit um ihr Hausmädchen steigert Pilar unwissentlich deren heimtückisches, herrisches Verhalten. Pilars Nachsicht gewiss, meint Raquel zu Recht sich nahezu alles erlauben zu können. Der deutsche Titel „Die Perle“ wirkt hier wie ein zynischer Scherz. Streckenweise erinnert „La Nana“ vage an einen Thriller ähnlich Harold Pinters Theaterstück „The Servant“, in welchem sich die Rollen von Hausherr und Diener verkehren. Raquels Schikanen gegen andere Dienstmädchen lassen sie vom unterdrückten Opfer zur sadistischen Negativfigur werden. Doch keinen der angerissenen Konflikte arbeitet Silva auf: Die soziale Kluft zwischen den Figuren, Raquels pathologische Abscheu vor Verunreinigung durch andere, welches sie zu zwanghaftem Putzen und Desinfizieren antreibt, ihre Furcht vor Körperlichkeit und uneingestandene Sehnsucht danach, ihre in einem Telefonat angedeutete komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter. Mehr als Drama ist „La Nana“ eine präzise beobachtete Mischung aus Berufs- und Charakterstudie.

Deren hoffnungsvoller Ausklang wirkt als unaufrichtiger Widerspruch zu der anfänglichen Kühle. Zögerlich beschreitet „La Nana“ den Lebensweg der frohgemuten Lucy. Ein symbolischer Neustart in fremden Schuhen, der als Irrweg statt als Ausweg erscheint. „Ein komisches Gefühl“ sei das Ende für ihn, sagt Regisseur Sebastian Silva. Selbst er, scheint es, konnte sich der Aura befremdlicher emotionaler Leere nicht entziehen, welche „La Nana“ umgibt.

Geschichte einer Dienerin.

von Lida Bach



Raquel: Catalin Savedra
Pilar: Claudia Celedon

Camila: Andrea Garcia-Huidobro
Lucy: Mariana Loyola

Regie: Sebastian Silva | Chile, Mexiko, 2009

Länge: 94 min | FSK: ab 12 | Buch: Sebastian Slva | Kamera: Sergio Armstrong | Schnitt: Danielle Fillios | Produktion: Gregorio Gonzalez