La Bocca del Lupo
Handlung
In den schäbigen Straßen am Kai des heruntergekommenen Hafens lauert die Vergangenheit. Doch sein Leben von einst ist für Enzo so ungreifbar wie das alte Genua. Jahrelang war er im Gefängnis. Nach seiner Entlassung führt ihn die Sehnsucht zu einer wartenden Geliebten. Es ist seine untergehende Heimatstadt Genua, die ihn mit bitter-süßen Erinnerungen umarmt. Es ist auch Mary, die daheim auf Enzo wartet und mit ihm den Traum von einer Hütte am Meer teilt. Enzo, der verurteilte Verbrecher, und Mary, eine Transsexuelle, begegneten einander im Gefängnis. Von ihrem Wiedersehen in Freiheit erhoffen sie sich Liebe und ein wenig Glück. Doch ihre Zukunft scheint unsicher wie das Schicksal der Stadt. Kann neues Glück aus Marys und Enzos Erinnerungen entstehen oder sind sie dem Untergang geweiht wie die in Enzos Erinnerung auferstehende Stadt?
Meinung
„Das Maul des Wolfs“ bedeutet der Titel von Pietro Marcellos berührendem Drama. Als erster italienischer Film auf dem Torino Filmfestival mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, verströmt „La Bocca del Lupo“ den morbiden Charme eines dunklen cineastischen Kleinods. Die gewagte Romanze zwischen zwei Außenseitern, seelisch Ausgestoßenen, der Gesellschaft umrahmt Regisseur Marcello mit einer traurig-sanften Liebeserklärung an seine Heimat-stadt. Die Liebesgeschichte der Hauptfiguren, die unter ihren realen Namen auftreten, erscheint ebenso real wie unwirklich, eine bestechende Authentizität. Aus musealen Archiven und privaten Sammlerbeständen schöpft „La Bocca del Lupo“ einen ungeahnten visuellen Reichtum. In dokumentarisch anmutenden Szenen lässt Marcello ein Genua auferstehen, wie es nur noch in der Erinnerung existiert. Wie in seinen eigenen Gedankenbildern der Stadt verschwimmen darin Überlieferung, Fiktion und Realität. Sein Bild von Genua gehe auf Geschichten seines Vaters zurück, berichtet der Regisseur; „Ich habe versucht, in diesem Film über die Gegenwart zu sprechen, über die Hinterlassenschaften einer verlorenen Welt.“
Über dem Handlungsort Genua hängt der von Rauschwaden durchzogene Himmel wie ein düsterer Rachen. Unter ihr klafft der alles in sich aufnehmende Schlund des Verfalls. Die einst blühende Stadt ist die heimliche Hauptdarstellerin von Marcellos filmischem Poem. Eine sterbende Schöne, in deren verschlungenen Gassen und bröckelnden Fassaden die Kamera Spuren vergangener Pracht einfängt. Enzos Rückkehr ist für den gealterten Kriminellen eine Reise in die Vergangenheit, die ihn am schmutzigen Hafen und in den heruntergekommenen Kaschemmen begegnet. Von hieraus wollen Mary und er den Weg in eine neue Zukunft wagen. Erst spät begegnen sie einander. Bis dahin scheinen sie Verlorene, wie die anderen verarmten Einwohner auf der Suche nach etwas menschlicher Wärme. Meist ist es eine flüchtige Zärtlichkeit, in Bars oder bei den transsexuellen Prostituierten, zu denen die drogensüchtige Mary gehört.
Doch Marcellos sensibles Liebesdrama sieht nicht nur die verborgene Schönheit der tristen Hafenstadt, auch jene ihrer Menschen. „Viel Glück“ bedeutet die italienische Redewendung „In Bocca del Lupo“. Mit dem zärtlichen Wunsch verlässt Marcello seine Figuren und seine Stadt, über der ein vager Hoffnungsschimmer für das Paar leuchtet. Seine meisterliche Studie von der Seele der Menschen und der Seele einer Stadt nimmt mit ihrer atmosphär-ischen Dichte weiter gefangen. Das Maul des Wolfs lässt den Zuschauer nicht mehr los.
Die Zärtlichkeit des Wolfs.
Enzo: Vincenzo Motta
Mary: Mary Monaco
Regie: Pietro Marcello | Italien, 2009
Länge: 75 min | FSK: ab 12 | Buch: Pietro Marcello | Kamera: Pietro Marcello | Archivrecherche: Sara Fgaier | Musik: ERA alias Vincenco Motta & Mary Monaco | Schnitt: Sara Fgaier | Produktion: Nicolo Giuliano, Francesca Cima, Dario Zonta

