Kundun


Handlung

Tibet 1937: Eine Vision führt tibetische Mönche in das ärmliche Bergdorf Ando. In dem fast dreijährigen Tendzin Gyatsho erkennen sie ihren Bodhisattva des Mitgefühls, den 14. Dalai Lama wieder. Seine Kindheit und Jugend verbringt der Kundun in Lhasa, der Hauptstadt Tibets und in dem Sommerhaus in Norbu Lingka, wo er abgenabelt von der restlichen Welt die Riten und Zeremonien des Buddhismus lernen muss. Vor seiner offiziellen Inthronisierung zum 14. Dalai Lama zu seinem 18. Geburtstag fallen die Chinesen in Tibet ein. Zu Frieden und Mitgefühl erzogen muss der Kundun mit ansehen, wie das tibetische Volk unter den Gewaltakten der Chinesen zu leiden hat. Ein Besuch bei dem Mao scheint zu einer friedlichen Regelung zu führen. Diese Illusion zerplatzt jedoch, als Mao seine Abneigung gegenüber dem buddhistischen Glauben äußert und den Kommunismus als die einzig wahre Regierungsform darstellt.


Bis zum letzten Augenblick will der 14. Dalai Lama Tibet und sein Volk nicht verlassen und riskiert damit auch seinen eigenen Tod. Doch als er sowohl von den tibetischen Einwohnern angefleht wird, sich in Sicherheit zu bringen, und auch das Medium ihm die Flucht nahe legt, gibt der Kundun nach. Er übersteht die gefährliche Reise und schafft es, vor der chinesischen Besatzung nach Indien zu fliehen, wo er bis heute im Exil lebt.


Meinung

„Die Wahrheit wird leben, die Lüge wird sterben.“ So die Worte eines tibetischen Mönches gegen Ende des bildgewaltigen Meisterwerkes über die Kinder- und Jugendjahre des 14. Dalai Lamas. Eine einfühlsame Darstellung der Gefühle des jungen Kundun, seiner Einsamkeit, seiner Verluste und seiner großen Verantwortung, nicht nur gegenüber dem tibetischen Volk.

Nach Filmen wie „Taxi Driver“, „Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ und „Casino“ hätte wohl kaum jemand gedacht, dass Martin Scorsese sich dieser Thematik widmen würde. Obwohl er mit „Die letzte Versuchung Christi“ von 1988 schon einmal bewiesen hat, dass er nicht nur der Mann fürs Grobe ist. In „Kundun“ schafft es Scorsese, die empfindliche Geschichte über die Findung und Erziehung des 14. Dalai Lamas nicht in einen drögen Hollywoodstreifen zu verwandeln, sondern sensibel und mit hervorragendem filmischen Gespür das Wesen der Handlung zu visualisieren. Hierbei stand ihm die Autorin Melissa Mathison beiseite, welche bereits das Oscar nominierte Drehbuch zu „E.T. – Der Außerirdische“ verfasst hatte. An dem Buch zu „Kundun“ arbeitete der Dalai Lama selbst mit und half dem Filmteam mit seinem detaillierten Wissen über die Geschichte wie auch über den Baustil der Tempel, eine authentische Umgebung zu schaffen. Produktions-Designer Dante Ferretti erschuf in einer Mischung aus Matte Painting, Computergrafik und Modellen das alte Lhasa dermaßen realistisch wieder, dass einige Tibeter bei dessen Anblick in Tränen ausbrachen.

Mit den subjektiven Kameraeinstellungen am Anfang von „Kundun“ wird der Blickwinkel der Handlung auf den heranwachsenden Tendzin gelegt. Im Verlauf der Handlung wird dies immer wieder deutlich gemacht, indem der Zuschauer aus Sicht des Jungen die unbekannte Welt des Buddhismus betritt und Großeinstellungen auf Augen und Ohren die subjektiven Empfindungen unterstreichen. Scorseses Schwerpunkte lagen bei den Gefühlen, dem Seelenleben des Kunduns. Die buddhistischen Lehren sind in den Szenen nicht in den Vordergrund gestellt, jedoch dank der Bemühung um Authentizität allgegenwärtig. Dazu gehört auch, dass unter den Schauspielern, außer vielleicht bei den Chinesen, kein einziger bekannter Name zu finden ist. Fast alle Rollen sind mit tibetischen Amateurschauspielern besetzt, viele davon stehen sogar noch in enger Verwandtschaft zu dem Dalai Lama. So ist Tencho Gyalpo, welche die Mutter von Tendzin spielt, in Wirklichkeit seine Nichte. Nach eigenen Aussagen mussten sie ihre Rollen nicht spielen, sondern einfach nur ihren eigenen Gefühlen folgen. Vielleicht ist es dieser Umstand, der die Geschichte so natürlich und ungekünstelt erscheinen lässt.

Neben den grandiosen Bildern des Kameramanns Roger Deakins trägt nicht zuletzt die Oscar nominierte Musik von Philip Glass zu dem mitreißenden Filmerlebnis bei. Fast schon meditativ werden die Einstellungen von den eindringlichen Klängen unterstrichen und tragen den Zuschauer mit sich fort in eine vergessene Welt. Nicht grundlos wurde „Kundun“ bei der Oscarverleihung 1998 vier Mal für den Oscar nominiert: für die Beste Kamera, die Beste Filmmusik, sowie für das Beste Szenenbild und das Beste Kostümdesign. Ohne viele Erklärungen entwickelt sich die Geschichte in „Kundun“ fort, ganz im Sinne der Lebensauffassung der dargestellten Menschen. Wer dazu fähig ist, sich für fast zweieinhalb Stunden nicht von seinem logischen Verstand leiten sondern seinem Geist freien Lauf zu lassen, der wird in „Kundun“ ein berauschendes visuelles und vielleicht auch religiöses Erlebnis finden.

Intime Darstellung einer vergangenen Welt.

von Moana Flamme



2-jähriger Dalai Lama: Tenzin Paichang
5-jähriger Dalai Lama: Tulku Tenzin
10-jähriger Dalai Lama: Gyurme Tethong

Dalai Lama: Tenzin Tsarong
Mutter: Tencho Gyalpo
Mao: Robert Lin

Regie: Martin Scorsese | USA, 1997

Länge: 134 min | FSK: ab 6 | Buch: Melissa Mathison | Kamera: Roger Deakins | Szenenbild: Dante Ferretti | Schnitt: Thelma Schoonmaker | Musik: Philip Glass | Produktion: Barbara De Fina