Kinshasa Symphony


Handlung

„Oh Freunde, nicht diese Töne!“ Für den Orchesterleiter Armand Diangienda gewinnen die Anfangszeilen aus Beethovens „Ode an die Freude“ eine ironische Doppelbedeutung. Noch klingt aus dem Spiel seines Ensembles mehr Dissonanz als Harmonie. Die Zeit zum Proben läuft den Musikern davon. Immer näher rückt der Unabhängigkeitstag, an dem sie vor tausenden Zuschauern ein Open Air Konzert geben wollen. Neben Stücken von Verdi, Dvorak und Auszügen aus Orffs „Carmina Burana“ will das L´Orchestre Symphonique Kimbanguiste Beethovens 9. Symphonie aufführen. Dafür nehmen sie stundenlange Anfahrtswege auf sich und proben bis in die Nacht hinein. Sogar im Dunkeln, wenn der Strom ausfällt – keine Seltenheit in Kinshasa. In der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo, inmitten von Armut, Gewalt, Lärm und Hektik, spielt das einzige Symphonieorchester Zentralafrikas. Seine Mitglieder sind fast alle Autodidakten oder Amateure, ihre Instrumente sind alt oder improvisiert, manche können kaum Noten lesen. Dennoch probt das L´Orchestre Symphonique Kimbanguiste entschlossen der Vorführung entgegen. Doch reicht es, um ihre „Kinshasa Symphony“ erklingen zu lassen?

Meinung

Diangienda weiß, welche Bedeutung die klassische Musik für die Künstler und ihre Zuhörer hat: „Auch wenn die Proben oft mühselig und Fortschritte nicht sofort erkennbar sind, hilft mir das gemeinsame Musizieren über viele Dinge hinweg.“ Er ist nicht nur Begründer des OSK. Neben seiner Tätigkeit als Orchesterleiter arbeitet der Sohn eines bekannten kongolesi-schen Märtyrers als Dirigent, Komponist und Cellist. Jeder der Musiker in Claus Wischmanns und Martin Baers engagierter Reportage muss mehrere Aufgaben erfüllen, damit das Symphonieorchester nicht verstimmt. Als er erstmals davon hörte, konnte er kaum glauben, dass das Orchester existiert, sagt Wischmann über die Musiker, deren Konzertvorberei-tungen „Kinshasa Symphony“ begleitet. Mit unermüdlicher Energie ringen die Musiker nicht nur um die richtigen Töne. Ihr mächtigster Gegner sind die äußeren Umstände. Ihre Instrumente mögen noch so schäbig und brüchig sein, die Musiker spielen dennoch darauf gegen die widrigen Bedingungen an. Vor dem Hintergrund der selten vollkommenen Vorstellungen der Konzertanten rücken die Regisseure deren leidenschaftliches Engage-ment in den filmischen Fokus. Wachsen die Musiker schließlich bei einem beeindruckenden Auftritt auch künstlerisch über sich hinaus, wird in dieser furiosen „Kishasa Symphony“ auch die Reportage zu mehr als einer gewöhnlichen Konzert-Doku.

„Kinshasa Symphony“ zeigt die Kraft der Leidenschaft, musikalischer Natur und universeller. Trotz einiger schiefer Töne gelingt es den Künstlern, die Emotionen der Zuschauer vor der Konzertbühne wie im Kinosaal zum klingen zu bringen. Ähnlich verhält es sich mit der Reportage. „Kinshasa Symphony“ überzeugt trotz der mitunter aufdringlichen Gutwilligkeit und der unkritischen Grundhaltung dank seiner Protagonisten. Das L´Orchestre Symphonique Kimbanguiste berauschen nicht mit symphonischer Perfektion, sondern Engagement. Vor fünfzehn Jahren gab das L´Orchestre Symphonique Kimbanguiste zum ersten Mal ein Konzert. Die Bedingungen für die Konzertanten waren damals noch ungünstiger als heute. Nicht einmal zwanzig Instrumente umfasste das Ensemble. Um deren korrekte Haltung und Spielweise zu beherrschen, orientierten die Orchestermitglieder sich an Bildern. Elf Monate vor der Aufführung begannen die Proben. Obwohl das Scheitern mehrfach unvermeidbar schien, klammerte sich das Symphonieorchester mit trotziger Hoffnung an seine musika-lische Vision. Am 3. Dezember 1994 traten die Musiker im Palais du Peuble auf. Ihr Ensemble war nicht vollbesetzt – dafür der Saal. Am Ende gab es Applaus. „Wenn Sie es nicht glauben, fragen Sie die Leute.“, sagt Diangienda in die Kamera. Nach der glänzenden Vorstellung, welche die „Kinshasa Symphony“ beschließt, ist das nicht nötig. Den Text zu Beethovens letzter vollendeter Symphonie mögen die Zuhörer nicht verstehen, die Freude aber fühlen sie.

Filmische Ode an die Freude an der Musik.

von Lida Bach



Regie: Claus Wischmann | Deutschland, 2010

Länge: 90 min | FSK: o.A. | Buch: Claus Wischmann | Kamera: Martin Baer, Michael Deyer | Musik: Jan Tilman Schade | Schnitt: Peter Klum | Produktion: Stefan Pannen, Holger Preuße