Katzenmenschen


Handlung

In Serbien gibt es die Sage der Katzenmenschen: Menschen verwandeln sich in Momenten leidenschaftlicher Emotion in Raubkatzen und töten ihr Gegenüber. Man kann sie nur ausschalten, indem man ein Schwert durch ihren Körper treibt. Irena Dubrowa, die aus Serbien stammt, aber jetzt in New York lebt, lernt eines Tages Oliver im Zoo kennen. Sie verliebt sich in ihn und wenig später heiraten sie. Doch etwas stimmt nicht mit Irena. Weil sie Angst davor hat, sich im Rausch der Liebe in eine Raubkatze zu verwandeln, stößt sie Oliver immer mehr zurück. Nachts besucht sie öfter einen Panther im Zoo und verfällt langsam einem Wahn. Als der abgewiesene Oliver eine Affäre mit seiner Kollegin Alice Moore beginnt, wird Irenas Eifersucht zur tödlichen Gefahr.


Ihre Besessenheit bringt Irena am Ende dazu, den Panther zu befreien. Er zerfleischt Irena, flüchtet und wird von einem Auto überfahren. Als Oliver seine Frau tot auffindet, ragt ein Schwert aus ihrem Körper.


Meinung

Not macht erfinderisch. Dieses Sprichwort trifft auch auf das Filmemachen zu. Als die Monty-Python-Truppe in den 1970ern eine Komödie über die Ritter der Tafelrunde drehen wollten, sie aber kein Geld für Pferde hatten, schnappten sie sich einfach zwei Kokosnusshälften und schlugen sie aneinander – der Rest ist Filmgeschichte. Jacques Tourneur, der Regisseur von „Katzenmenschen“, stand vor einem ganz ähnlichen Problem. Auch er hatte nicht die nötigen finanziellen Mittel für seine filmische Vision – in seinem Fall fehlte das Geld für teure Spezialeffekte, die die Umwandlung vom Menschen zum Raubtier zeigen sollten. Und so überlegte er sich, die Verwandlung optisch nur anzudeuten. Das war ein genialer Schachzug. Denn damit bewahrte Tourneur seinen Film vor Eindeutigkeit und schuf einen auf Suggestionen beruhenden Horror-Klassiker der 1940er Jahre.

Auf Grund fehlender Effekte und Gewaltdarstellungen passiert das Meiste im Kopf des Betrachters. Oft fragt man sich als Zuschauer, ob die Augen dem Verstand einen Streich gespielt haben. Haben sich die Schuhabdrücke auf dem Bürgersteig gerade tatsächlich in Tatzenabdrücke verwandelt? „Katzenmenschen“ ist kein blutgefrierender Schocker, der einen laut aufschreien lässt, doch eine subtil vermittelte Aura des Schauders, die auf Irenas geheimnisvoll-bedrohlichem Wesen beruht, versetzt den Zuschauer in ständige Spannung und Ungewissheit – und was wir schwer einordnen können, hat das Potential, uns Angst zu machen. In einigen Szenen reizt Tourneur diesen Suspense voll aus, zum Beispiel wenn Olivers Kollegin Alice Moore nachts durch den Central Park geht und glaubt, von Irgendetwas verfolgt zu werden, oder wenn selbige in einem Swimmingpool von einem mysteriösen Schatten bedroht wird und sie anschließend ihre zerfetzte Kleidung am Beckenrand findet. Immer ist auch Irena in Alices Nähe, wenn etwas passiert.

Bis kurz vor Schluss erfährt der Zuschauer nicht, ob die Gefahr real ist oder ob es sich nur um ein Hirngespinst einer wahnsinnigen Irena handelt, das durch die Katzenmenschen-Sage gefüttert wird. Die Psychologie der weiblichen Hauptfigur wird in das Zentrum der Handlung gestellt, wobei auch immer ein sexueller Unterton mitschwingt: Werwölfe verwandeln sich bei Vollmond, der Unglaubliche Hulk, wenn er sich aufregt, Irena hingegen verwandelt sich, wenn sie sich ihrer körperlichen Lust hingibt, so jedenfalls ihre zu Beginn des Films geäußerte Befürchtung. Simon Simone, die Irena verkörpert, spielt das daraus resultierende Dilemma – sie liebt einen Mann, den sie nicht lieben kann – sehr überzeugend.

Das von dem legendären Horrorproduzenten Val Lewton produzierte 73-minütige Werk hat die Ästhetik eines Film-Noirs und arbeitet ausgiebig mit Schwarz-Weiß-Kontrasten. Dunkle Schatten wirken dabei oft wie Barrieren, die die Hauptfigur Irena von der Welt ihrer Mitmenschen abtrennt – die Entsprechung zum Pantherkäfig im Zoo. Wie in sehr vielen Horrorgeschichten kommt auch in „Katzenmenschen“ – wie ja der Titel schon andeutet – dem Animalischen eine wesentliche Bedeutung zu. Es wird als Verbindungsrohr zur Übernatur interpretiert. Dem Regisseur gelingt dabei die Umdeutung des Zoos, der als Handlungsort eine entscheidende Rolle spielt, vom familienfreundlichen Ausflugsziel zur mysteriösen Begegungsstätte von Mensch und Tier. Irena geht zu dem wilden, prächtigen Panther, um mit ihrer dunklen Seite in Kontakt zu treten, so vermutet man. Diese Besuche gehören zu den eindrucksvollsten Szenen in „Katzenmenschen“.


Die finale Befreiung des Panthers hat fatale Folgen für Irena und das Tier und leider auch für das Filmende. Denn durch ihren Tod verliert der Horror seinen doppelten Boden. Der Zuschauer erfährt, dass sie sich tatsächlich in eine menschenmordende Raubkatze verwandeln konnte. „Sie hat uns nie belogen.“, lautet der letzte Satz des Films, der alles ins rechte Licht rücken soll – Dunkelheit wäre besser gewesen.


„Katzenmenschen“ ist ein in Deutschland weitestgehend unbekannter Meilenstein des Horrorgenres. In den 1980ern drehte Paul Schrader ein gleichnamiges Remake mit Nastassja Kinski in der Hauptrolle, das aber nicht die atmosphärische Dichte und suggestive Kraft des Originals vorweisen kann. Schraders aufwendigere Produktion greift tief in die Trickkiste und lässt von vornherein keinen Zweifel an einer übernatürlichen Mensch-Tier-Transformation. Dadurch beraubt er dem Zuschauer jedoch seiner Fantasie, die in Tourneurs Original stets gefordert wird und es deshalb zu einem einzigartigen Filmereignis macht. Manchmal ist weniger eben mehr.

Nachts sind alle Katzen böse.

von Markus Wuttke



Irena: Simone Simon
Oliver: Kent Smith

Alice Moore: Jane Randolph

Regie: Jacques Tourneur | USA, 1942

Länge: 73 min | FSK: ab 12 | Buch: DeWitt Bodeen | Kamera: Nicholas Musuraca | Szenenbild: Al Fields | Schnitt: Mark Robson | Produktion: Val Lewton