Jud Süß - Film ohne Gewissen


Handlung

„Ich bin mir sicher, dass Sie unter meiner Leitung einen Juden abliefern werden, der in die Geschichte eingehen wird.“ Das Versprechen, welches Josef Goebbels Ferdinand Marian 1940 gibt, wird sich für den aufstrebenden Schauspieler erfüllen. Zuerst weigert sich Marian in dem nationalsozialistischen Hetzfilm „Jud Süß“ mitzuwirken. Doch Goebbels ist kein Mann der Kompromisse. Trotz seiner Gewissensbisse gegenüber seinem jüdischen Arbeitskollegen Deutscher und seiner Frau Anna spielt Marian den „Jud Süß“. In der Titelrolle steigt er zum neuen Star des deutschen Kinos auf.


Der Ruhm wärt kurz. Seine Schuldgefühle treiben Marian in den Alkoholismus. Goebbels betrachtet die öffentlichen Ausfälle des ehemals von ihm geschätzten Schauspielers mit wachsendem Argwohn. Nach Kriegsende muss Marian feststellen, dass der Platz in der Filmgeschichte, den er sich erhoffte, kein ruhmreicher ist.

Meinung

„Stell dir vor, du gehst nach Hollywood und Goebbels wird dein Manager.“, beschreibt Regisseur Oskar Roehler auf der Pressekonferenz die Herangehensweise, mit welcher das Publikum die Situation der Hauptfigur verstehen soll. Sogar als Tagline für das biografische Drama kam der Satz laut Roehler in Frage. Den Trash-Faktor des Film hätte er perfekt vermittelt. Fast schien es, man müsse diese Berlinale darauf verzichten, nun hat es Roehler mit seinem Biopic über den österreichischen Schauspieler Ferdinand Marian doch noch geschafft: Es wurde gebuht. In einer Szene treibt es eine Nazi-Gattin mit Marian an einem offenen Fenster, während auf Berlin die Bomben hageln. Vermutlich warfen hier viele Kritiker einen Wick-Blau ein, damit später bei den Buh-Rufen nicht die Stimme versagt. „Das Böse ist doch immer viel interessanter als das Gute.“ Die Ansicht, welche Josef Goebbels nach Marians Darstellung des „Othello“ äußert, teilt Roehler anscheinend. 'Böse' gibt es unter den Filmfiguren reichlich, doch das sind wie immer die Anderen. Angeblich war Marian nur ein Rädchen im Getriebe des nationalsozialistischen Propagandafilms, das später demontiert wurde. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Wie formuliert es Goebbels auf der Leinwand? „Subtile Manipulation“. Nur an Subtilität mangelt es dem Film. „Wie kann es sein, dass Millionen Leute das angesehen haben und gedacht haben, das ist seriös.“, fragt Moritz Bleibtreu auf der Presskonferenz bezüglich Veit Harlans „Jud Süß“. Sollte der Wettbewerbs-Beitrag Erfolg haben, würde sich die gleiche Frage stellen.

„Ein Parvenu, der auch clowneske Seiten hat.“ Was nach einer Charakterisierung Marians klingt, ist tatsächlich Roehlers Beschreibung von Goebbels. Moritz Bleibtreu spielt ihn als grotesken Egomanen, den Frauen schmachtend ansehen. Die unterschwelligen psychischen Parallelen zwischen den Filmfiguren von Goebbels und Marian ignoriert die Handlung. Ruhm steigert die Prozente, wusste Graham Greene. Bei Marian sind es zuerst die von Verdienst und Bekanntheitsgrad, dann die der alkoholischen Getränke, die er zunehmend konsumiert. Jene Szenen sind beispielhaft für die Freizügigkeit des Films mit biografischen Fakten. Bis zum Kriegsende war Marian ein gefragter Schauspieler, nicht zuletzt dank des Karriereaufschwungs durch „Jud Süss“. Und hätte Goebbels einen Nazigegner, der betrunken in seine Privatvorführung der Familienfilme, auf denen die lieben Kinder Papa Propagandaminister zum Geburtstag gratulieren, taumelt, in die 1944 verfasste Liste der sogenannten „Gottbegnadeten“ aufgenommen? Dank der Nennung auf dieser Liste, auf der unter anderem Gustaf Gründgens und Werner Krauß standen, wurde Marian nicht zum Kriegsdienst eingezogen.

Die Liste bleibt nicht als einziger biografischer Aspekt unerwähnt. Im Gegenzug zeigt eine späte Szene, wie Marian von einer Gruppe befreiter jüdischer KZ-Häftlinge niedergeschlagen und zusammengetreten wird. Ein GI rettet den nun für seine Rolle in „Jud Süß“ berüchtigten Schauspieler. Der Tenor der Szenen erinnert bedrückend an den der Originalbilder des historischen „Jud Süß“. Die letzten Worte der Filmemacher auf der Pressekonferenz erscheinen angesichts solch geschmackloser Szenen bitter treffend: „So ist das halt mit der Schuld. Manche kommen davon und manche – hm.“

Filmgeschichte wird gemacht.

von Lida Bach



Joseph Goebbels: Moritz Bleibtreu
Ferdinand Marian: Tobias Moretti
Anna Marian: Martina Gedeck

Veit Harlan: Justus von Dohnanyi
Werner Krauss: Milan Peschel
Deutscher: Heribert Sasse

Regie: Oskar Roehler | Deutschland, Österreich, 2010

Länge: 114 min | FSK: ab 12 | Buch: Klaus Richter | Kamera: Carl F. Koschnick | Szenenbild: Isidor Wimmer | Musik: Martin Todscharow | Schnitt: Bettina Böhler | Produktion: Franz Novotny, Markus Zimmer