In ihren Augen
Handlung
Temo. Nur dieses Wort kann Esposito auf einen Zettel kritzeln: Ich habe Angst. Die anderen Sätze, die dem alternden Argentinier im Kopf herum schwirren, scheinen ihm leere Floskeln. Einen Roman versucht der pensionierte Kriminal-beamte zu verfassen. Doch statt des Buches nehmen die Erinnerungen in seinem Geist Gestalt an. Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit er den grauenvollen Mord an einer jungen Frau nicht klären konnte. „Ich weiß nicht, ob es meine Erinnerung ist oder die Erinnerung an die Erinnerung.“ Nur, dass er das Geheimnis „In ihren Augen“ enträtseln muss, um endlich Ruhe finden zu können. Seine Spurensuche führt ihn an das Grab seines Freundes Pablo, zu Riacardo, dem Witwer der Ermordeten, und Espositos alter Bekannter Irene. Der alte Spürgeist erwacht in Esposito, ebenso wie seine Gefühle für Irene.
Meinung
Die Vergangenheit streckt ihre Hand nach Esposito aus und lässt ihn nicht mehr los in José Campanellas furiosem Drama, das auf der diesjährigen Oscarverleihung als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet wurde. Unentrinnbar ist auch der Sog, den die in matte Gold- und Brauntöne gehaltenen Szenen von „In ihren Augen“ entfaltet. Kriminalfilm und psychologisches Drama verwebt der argentinische Regisseur und Drehbuchautor zu einem traurig-zarten Poem auf die Beständigkeit der Erinnerung. „El secreto de susu ojos“, „Das Geheimnis ihrer Augen“ des Originaltitels, liegt nicht nur im Blick der Ermordeten, sondern aller Protagonisten. Die Augen sind der Spiegel der Seele, ein Spiegel der auch blenden und verzerren kann. Jede der Figuren in Campanellas meisterlichem psychologischen Vexierspiel besitzt eine verborgene Facette. Grausamkeit, Einsamkeit, Furcht oder Liebe. Welches Gefühl sie in sich verschließen, begreifen die Anderen wie Esposito oft erst, wenn es zu spät ist.
Im Zentrum der mit leisem Humor verwobenen Tragödie stehen die ungelebten Leben der Figuren, ihre nie gestillten Sehnsüchte und gescheiterten Pläne. „Wie lebt man ein leeres Leben? Wie lebt man ein unerfülltes Leben?“, fragt Esposito seine Freundin Irene. Er selbst könnte die Frage besser beantworten als sie. Bis vor kurzem war Irene seine Vorgesetzte, vor Jahren war sie seine Geliebte. Hundert Jahre Einsamkeit liegen zwischen ihnen. Die gefühlte Ewigkeit scheint sich aufzulösen in den ineinander übergehenden Zeitebenen, um sogleich wieder als unüberwindbare Grenze zwischen den Charakteren zu stehen. „Uns bleibt nur die Erinnerung.“, sagt Ricardo zu Esposito. „Wenigstens die sollte schön sein.“ Die Männer hat ein zu früher Abschied von ihrer Liebsten getrennt. Ricardo erlebte ihn durch den Tod, Esposito in einem Zug, in dem er mutwillig vor seinem Glück floh. Das Grauen einer unerfüllten Existenz gelingt Campanella in einer fast unerträglich schmerzerfüllten Szene einzuschließen. Erst jetzt begreift Esposito, dass er handeln muss. Oder bleiben, was er in dem Spiegel sieht, den Ricardo ihm vorhält: „Ein Mann mit tausend Vergangenheiten und ohne Zukunft.“
Reflektionen in einem goldenen Auge.
Benjamin Esposito: Ricardo Darin
Irene Hastings: Soledad Villamil
Pablo: Guillermo Francella
Ricardo: Pablo Rago
Regie: José Campanella | Argentinien, Spanien, 2009
Länge: 127 min | FSK: ab 12 | Buch: José Campanella, Eduardi Sacheri | Kamera: Felix Monti | Buchvorlage: Eduiardo Sacheri | Musik: Federico Jusi, Emil Kauderer | Schnitt: José Campanella | Produktion: Juan José Campanella, Mariela Besuievski, Carolina Urbieta

