Im Oktober werden Wunder wahr


Handlung

„Im Oktober glauben alle ganz besonders an Wunder.“, weiß der alte Don Fico, der auf den Straßen Limas lebt. Sie sind im Oktober erfüllt von religiösen Prozessionen und Menschen-massen, die zu Gott für ein Wunder beten. Der stoische Pfandleiher Clemente hingegen glaubt nicht an Wunder, eher an ein Unglück, als er seine Tür aufgebrochen findet. Statt genommen wurde ihm gegeben: Ein Baby, dessen Mutter unauffindbar ist. Der überforderte Clemente beauftragt seine alternde Klientin Sofia, das Kind zu versorgen. Die gläubige Zuckerbäckerin sehnt sich nach einem Partner und sucht ihn in Clemente. Irritiert durch die plötzliche emotionale Nähe versucht der verhärtete Einzelgänger verbissen, die Mutter aufzuspüren. Die Zweckgemeinschaft mit Sofia bringt indes Zärtlichkeit in Clementes Leben, die er zuvor nicht kannte. Auf ihre Zuneigung reagiert er abweisend, doch „Im Oktober werden Wunder war“, hofft Sofia – doch reicht es, dafür zu beten?

Meinung

„Nicht wer wenig hat, sondern wer viel wünscht, ist arm.“, sagt Don Fico. Wünsche haben fast alle der Menschen in „Im Oktober werden Wunder wahr“. Clementes Kunden verpfänden ihre kleinen Schätze und kostbarsten Besitztümer für ein bisschen Glück – oder wenigstens die Hoffnung darauf. Das Wunder aber bescheren Diego und Daniel Vega in „Octubre“ dem einzigen Protagonisten, der sich nicht danach sehnt. Der unscheinbare Originaltitel passt weit besser zu der schlichten Handlung, die ihre Komplexität den subtilen dramaturgischen Anspielungen verdankt. Sofia verdient sich ihr Einkommen mit dem Verkauf von Torrone. Das Nougat wurde in Peru ursprünglich als göttliche Opfergabe gebacken. Im Wundermonat Oktober wird es traditionell besonders viel zubereitet. Indirekt zentriert sich Sofias ganzes Dasein auf das Opferritual. Aufopferung und Fatalismus, zu dem auch das sinnlose Beten gehört, lindern Armut und Einsamkeit der Figuren nicht. Entgegen der Assoziationen von Frömmigkeit und Aberglauben, welche der sperrige deutsche Verleihtitel weckt, handelt „Octubre“ vom Mut, den eigenen Sehnsüchten zu folgen. Erst als sie selbst ein Stück Torrone isst, zeigt sich ein vager Hoffnungsschimmer am düsteren Horizont über Lima. Nicht Gott muss sie sich zuwenden, sondern sich selbst. Clemente hingegen ist in der Routine seines Daseins erstarrt, nicht glücklich, aber wunschlos. Das Baby bringt seinen ritualisierten Alltag durcheinander.

Während des notgedrungenen Zusammenlebens mit Sofia wird ihm seine seelische Isolation bewusst. Plötzlich liegen eine Frau und ein Kind neben dem Mann, der immer allein schläft. Jeden Tag wird seine karge Wohnung ein wenig gemütlicher. Dass mehr als eigene Bequemlichkeit hinter Sofias Fürsorge steckt, kann Clemente kaum begreifen. Zuwendung ist er nicht gewohnt. Anteilnahme bedeutet für ihn Einmischung. Doch statt Brot stehen nun warme Speisen auf Clementes Tisch, einmal ein Kuchen. Dann sitzen fünf Menschen bei einer bizarren Geburtstagsfeier zusammen. Leiser Humor untermalt diese melancholischen Momentaufnahmen, die Zärtlichkeit und Tragik vermischen. Die Inszenierung besitzt ein Gespür für die absurde Komik des Alltags. Mehr und mehr Geld wird Clemente durch das Baby und die Suche nach dessen Mutter los. Nur der Falschgeldschein, den ihm ein Schmuckkäufer angedreht hat, bleibt an ihm kleben wie ein Fluch. Als solchen empfindet der Pfandleiher auch den unerwarteten Kindersegen. Kontakt hat er nur auf geschäftlicher Basis, zu seinen Kunden oder Prostituierten. Als sich die menschliche Nähe heimlich in sein Leben schleicht, muss er sich ihr stellen.

„Man muss Veränderungen zulassen.“, sagt eine alte Prostituierte. Clemente begreift es fast zu spät. Das Wunder, wenn man es erlebt, wird fast nie als solches wahrgenommen, schrieb Erich Maria Remarque, erst die Erinnerung macht es dazu. Fast wortlos vermitteln Daniel und Diego Vega in „Octubre“ die Wahrheit hinter diese Worten.

Ein wundervoller Film.

von Lida Bach



Clemente: Bruno Odar
Sofia: Gabriela Velasquez
Don Fico: Carlos Gasols

Juanita: Maria Carbajal
Milagritos: Sheryl Sanchez Mesco
Julian Gomez: Victor Prada

Regie: Daniel Vega | Peru, 2010

Länge: 93 min | FSK: ab 12 | Buch: Daniel Vega, Diego Vega | Kamera: Fergan Chavez-Ferrer | Szenenbild: Guillermo Palacios Pomareda | Schnitt: Gianfranco Annichini | Produktion: Daniel Vega, Diego Vega