Im Lauf der Zeit

Handlung

Bruno ist mit seinem Möbeltransporter auf den Straßen des Westens zu Hause, er repariert Vorführgeräte in kleinen Kinos entlang der Grenze zur DDR, es ist das Jahr 1975. Er lernt Robert kennen, als dieser vor Brunos Augen mit seinem Käfer in die Elbe rast.

Bruno nimmt ihn in seinem Transporter mit und sie fahren gemeinsam durch das einsame Land, durch entlegene Ortschaften zu kleinen Kinos, allesamt in Geldnöten. Sie haben einige wenige Begegnungen mit den Menschen dort, statten jeder ihrer Vergangenheit einen Besuch ab. Und es entsteht, ganz langsam, eine Freundschaft.


Doch trotz dieser Freundschaft scheint etwas im Leben zu fehlen und so ist es unvermeidlich, dass am Ende jeder seinen eigenen Weg gehen muss, denn „es gibt doch nur das Leben, den Tod gibt’s ja gar nicht!“

Meinung

„Im Lauf der Zeit“ ist eine kleine Geschichte, die sich mit einer für Regisseur Wim Wenders typischen Langsamkeit entwickelt. Der Film beginnt mit einem Prolog: Ein alter Filmvorführer berichtet aus seiner Vergangenheit, von sich und seinem kleinen Ortskino, und er erzählt uns die Geschichte so glaubhaft, als wäre es ein Interview in einem Dokumentarfilm, er führt uns quasi in das Thema ein, das Thema der kleinen Kinos im Grenzgebiet zur DDR.

Die beiden Hauptcharaktere Bruno und Robert treffen sehr schnell und gegensätzlich aufeinander: Robert mit seiner gefährlich hektischen Geschwindigkeit, die sein Auto zum Ertrinken bringt, und Bruno, der gemächlich den Tag am Wasser beginnt, nackt natürlich, denn Wenders will uns in seinem sechsten Film alles zeigen, das normale Leben, und so bleibt die Kamera drauf, ob gepinkelt, gewichst oder ein großes Geschäft verrichtet wird. Doch Wenders schafft eine so natürliche und unspektakuläre Atmosphäre, dass uns dies noch nicht einmal als besonders, geschweige denn abstoßend, auffällt. Und man spürt förmlich, wie die Macher dieses Filmes sich über die Bildästhetik des sich erleichternden dunklen Mannes vor weißem Hintergrund freuten.

Es wird kein Wort zu viel gesprochen, viele und lange Passagen des Films sind ganz ohne Text, wahrscheinlich zu viele. Ein Drehbuch bzw. vorgegebene Texte gab es, außer für die erste Szene, nicht, die Schauspieler konnten und durften sich frei entfalten, ihre Charaktere und gleichzeitig die Geschichte entwickeln, denn auch die stand vor Drehbeginn nicht fest. Und so nähern sich Bruno und Robert einander, öffnen sich, erzählen von Fantasien und Träumen. Doch ihre Probleme, die Konflikte wirken nicht real, ja fast aufgesetzt. Man sieht den Schauspielern beim Spielen und nicht beim Leiden zu. Die Dialoge sind zu intellektuell, zu unglaubwürdig für die Straße und das normale Leben.

Der Film traut sich laute Musik. Die Anfangsmelodie des Leitmotivs („Suicide Road“ eingespielt von Improved Sound Limited) erinnert an an die Filmmusik der alten Pippi-Langstrumpf-Filme, man fühlt sich im Urlaub, die Ferien nahen auf einer fernen Takka-Tukka-Insel, eine entspannte Atmosphäre. Die gesamte Musik des Filmes stammt aus Brunos Plattensammlung und so hören wir seine Lieblingslieder wieder und wieder und mit ihnen den Wunsch nach der Freiheit der Siebziger.

Auch in „Im Lauf der Zeit“ spüren wir Wenders persönlichen Geschmack, seinen filmischen Stil. Schon in der ersten Szene zeigt sich seine Vorliebe für den Schuss/Gegenschuss, die sich durch den gesamten Film zieht. Wie so viele seiner Filme ist auch „Im Lauf der Zeit“ in schwarz-weiß gedreht. Wenders und sein Kameramann Robbie Mülller versuchen in diesem Film die Bildästhetik von Walker Evans Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Dreißiger Jahren einzufangen. Evans sollte damals die wirtschaftliche Depression für die US-Regierung optisch dokumentieren, doch seine Arbeiten gingen über eine bloße Dokumentation weit hinaus. Er hatte einen Blick für Details, konzentrierte aber den Inhalt des Bildes auf ein Minimum. Dabei nahm er sich und seine Emotionen, ebenso wie das Licht, ganz zurück und ließ die Menschen und ihre Armut für sich sprechen. Wenders und Müller gelingt der Versuch. Während wir bei Evans die Depression erleben, sehen wir bei Wenders die einsame und schlechte wirtschaftliche Situation in den Siebziger Jahren entlang der Grenze zu DDR.

Ein (zu) langes Roadmovie in ästhetischen Bildern.


Zur nächsten Filmkritik: Zug des Lebens


Bruno: Rüdiger Vogler

Robert: Hanns Zischler

Regie: Wim Wenders | Deutschland (BRD), 1976

Länge: 168 min | FSK: ab 12 | Buch: Wim Wenders | Kamera: Robbie Müller | Ton: Marten Müller | Ausstattung: Heidi Lüdi | Schnitt: Peter Przygodda | Musik: Axel Linstädt | Produktion: WimWenders-Produktion


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