If I want to whistle I whistle


Handlung

„Freiheit ist eine Blume.“, schreibt Silviu auf den Fragebogen. Blumen gibt es zwischen den heruntergekommenen Baracken nicht. Der 19-jährige Silviu sitzt in einer rumänischen Jugendstrafanstalt ein. Der Fragebogen ist eines der Formulare, welche er zu seiner in wenigen Tagen bevorstehenden Entlassung ausfüllen muss. Die Sozialarbeiterin Ana stellt ihm die Fragen, die er lieber persönlich als schriftlich beantworten möchte. Ein flüchtiger Augenblick der Nähe entsteht zwischen ihm und dem jungen Mädchen. Die Erniedrigungen seiner Mitgefangenen erträgt Silviu, um seine Freilassung nicht zu gefährden. Da erfährt er, dass seine Mutter seinen kleinen Bruder auf eine unsichere Reise zu einem ihrer Partner mitnehmen möchte. Silviu will seinem Bruder seine eigenen schlechten Erfahrungen ersparen und dessen Fortziehen verhindern. „Das Leben ist ein Marktplatz.“, schreibt er auf.


Man muss zugreifen - wie Silviu nach der Glasscherbe, mit der er Ana als Geisel nimmt. Verhandeln - wie es der Anstaltsleiter mit ihm versucht. Kompromisse eingehen - doch dazu ist Silviu nicht mehr bereit.

Meinung

Es ist kein schöner Film, dieses kantige Werk zwischen Jugenddrama und Gefängnisfilm. Die trostlose Welt, welche die schlichten Aufnahmen in einem rumänischen Jugendgefängnis einfangen, scheint nicht in den hergerichteten Berlinale-Palast zugehören. Einen schönen Film wollte der Regisseur und Co-Drehbuchautor Florin Serban nicht drehen. Darum gehört sein auf einem von ihm selbst verfassten Theaterstück basierenden Film hierher: Weil er zeigt, was man nicht sehen will. Serbans Wettbewerbsbeitrag „If I want to whistle I whistle“ zeigt verwahrloste Seelen an einem verwahrlosten Ort. Die gradlinige Handlung spielt in einem streng eingegrenzten Mikrokosmos, der so ausweglos scheint wie die Lebensumstände der Protagonisten. Fast alle Rollen sind mit Laiendarstellern besetzt, kriminellen Jugendlichen, die der Regisseur in einer Erziehungsanstalt, ähnlich der in dem Gefängnisdrama gezeigten, traf. Die Mauern verbauen den Häftlingen den Weg in die Freiheit. Die Haft verbaut ihnen die Zukunft. Der Strafvollzug zum Schutz der Gesellschaft ist für die Inhaftierten selbst ein schutzloser Raum. Überwachen die Wärter nicht die jungen Männer, überwachen sie einander. Einander zu schikanieren und zu quälen sind sie gewohnt, wie sie sich an die Schikanen und Misshandlungen durch die Wachen gewöhnt haben. Waschen, essen, schlafen – alles müssen die Gefangenen gemeinsam tun. Privatsphäre existiert nicht. Die wenigen persönlichen Momente, welche den Jugendlichen gestattet sind, können von den Wärtern willkürlich beendet werden. Er habe zwei Minuten, sagt ein Aufseher Silviu, als er während der 15-minütigen Besuchszeit mit seinem kleinen Bruder spricht. Von einem Mitgefangenen erkauft sich Silviu einen heimlichen Handyanruf, zu kurz, um etwas klären zu können. Einen weiteren Anruf kann er nicht bezahlen.

Serbans Werk formuliert unterschwellig seine herbe Kritik an einer emotional erkalteten Gesellschaft, die niemandem Halt bietet. Derartig heruntergekommen ist die Strafanstalt, dass selbst die Zäune kaputt sind. Ein Entkommen gibt es für die Jugendlichen dennoch nicht. Früher oder später werden sie wieder im Gefängnis landen, in diesem oder einem anderen. Jedes der zermürbenden Details ist notwendig, um Silvius Handeln begreiflich zu machen. Den Kampf um sich selbst, seine Freiheit und Zukunft weiß er längst verloren. „Du hast mich zerstört.“, sagt er seiner Mutter. Die Wut und Endgültigkeit seiner Worte irritieren manche der Kritiker. Das Mainstream-Kino verschweigt solche Wahrheiten: Kinder, die ihre Eltern zu Recht verabscheuen, Eltern, die ihre Kinder nicht lieben. Gewalt hat Silviu in der Familie gelernt. „Ich begann zu verstehen, wie viele ihrer Handlungen von ihren Familien beeinflusst wurden.“, sagt Florin Serban über die Arbeit mit den beklemmend authentischen Darstellern. Die Gewalttätigkeit von Silvius Mutter bei ihrem Besuch erschreckt nicht. Da trägt sie noch ihre Maske aus Schminke und aufgesetzter Fürsorge. Ihr wahres Gesicht erschreckt. Sie zeigt es, als ihr Sohn sie durch die Geiselnahme Anas zum Zuhören zwingt.


Gleichgültig starrt sie ihn an, als er droht, sich umzubringen. Nur seine Drohung, das Mädchen zu töten, zeigt Wirkung. Seinen Sieg erringt Silviu für den kleinen Bruder. Er selbst verliert alles. Mit einer letzten, scheinbar banalen Handlung behauptet Silviu seine Freiheit. Das Belanglose dieser Tat betont die absolute psychische Unterdrückung, in welcher Serbans Hauptcharakter existieren muss. Das karge, rohe Drama endet mit einem traurigen Triumph, welcher nur durch eine vernichtende Niederlage möglich wurde.


Die Freiheit des Einzelnen.

von Lida Bach



Silviu: George Pistereanu
Ana: Ada Condeescu
Mutter: Clara Voda

Silvius Bruder: Marian Bratu
Anstaltsleiter: Mihai Constantin

Regie: Florin Serban | Rumänien, Schweden, 2009

Länge: 94 min | FSK: ab 12 | Buch: Catalin Mitulescu, Florin Serban | Kamera: Marius Panduru | Szenenbild: Ana Ioneci | Schnitt: Catalin F. Cristutu, Sorin Baican | Produktion: Catalin Mitulescu, Daniel Mitulescu