Ich, Tomek
Handlung
„Alle haben Probleme.“ - Der fünfzehnjährige Tomek weiß um die Wahrheit der Worte seines Vaters. Der in einem trostlosen polnischen Grenzort aufwachsende Junge träumt von einem Observatorium. Wie Tomeks Traum von einem Teleskop droht seine aufkeimende Liebe zu der gleichaltrigen Marta zu scheitern. Die nachts in der örtlichen Disco arbeitende Jugendliche wünscht sich einen wohlhabenden Freund und Veneers für makellose Zähne. Um Martas Zahnbehandlung zu bezahlen, bittet Tomek seinen Freund Chiemny um Geld. Der gehört zu den Jugendlichen, die an der Grenze für den Zuhälter Borys arbeiten.
Meinung
„Biete dich an!“ - Ein düsterer Hinweis auf die Zukunft scheint der erste Satz in „Ich, Tomek“ zu sein. Tomeks Vater ruft ihn seinem Sohn zu. Da geht es noch um Fußball. Die jungen Charaktere des polnischen Jugenddramas haben andere Sorgen. „Swinki“ lautet der Originaltitel von Robert Glinskis bedrückend authentischem Kinderfilm. „Swinki“ sind Minderjährige, die sich prostituieren. Manchmal für Geld, meist nur für kleine Geschenke, Kleidung oder eine Einladung. Gefangen in der perspektivlosen Monotonie des Grenzortes wird Tomek einer der „Swinki“. Fast dokumentarisch mutet der nüchterne Blick von Petro Aleksowskis Kamera an. Die Handlung schildert Glinski aus der Perspektive des zurückhaltenden Beobachters. Die wenigen visuellen Metaphern erscheinen als bitterer Kommentar zu romantisierenden Bildstereotypen. Ein Feuerwerk symbolisiert Tomeks erste sexuelle Erfahrung. Erlebt hat er sie nicht mit seiner Freundin Marta, sondern einem Freier. Die Feierlichkeiten werden anlässlich des Schengenabkommens abgehalten, welches die Personenkontrollen an der Grenze aufhebt. Im Nachbarstaat Deutschland scheint die Sonne, als Tomek und Marta einen Ausflug hinüber machen. Die Straßen sind schöner und die Geschäfte teurer. Hier möchte Tomeks Schwester arbeiten, von hier kommen die Kunden der Jugendlichen. Die Darstellung der Sextouristen chargiert mitunter deutlich ins Plakative, das eindringliche Spiel der jungen Laiendarsteller wiegt jedoch mehr als derartige Stereotypen. Nie verurteilt oder bewertet Glinski seine jungen Charaktere. Statt auf melodramatische Wendungen konzentriert er sich auf die psychologische Ambivalenz seiner Figuren. Materielle Kalkulation und Aufopferung gehen bei ihnen Hand in Hand.
Alles dominierende Kraft ist die materielle Not der Figuren. Tomeks ältere Schwester möchte in seine Geschäfte einsteigen, als sie seine plötzlichen Einkünfte bemerkt. Tomek bietet ihr an, sie fürs Lernen zu bezahlen. Sie will nach England oder Deutschland auswandern, um dort zu arbeiten. Raus aus der seelisch abtötenden Rohheit der Betonsiedlung, egal wohin. Ob es dort besser wird, ist zweitrangig. Wie ihr Vater sagt: „Pech gehabt, kann passieren. War `ne Chance.“ Mit der Prostitution beginnt Tomek, um Marta eine kosmetische Arztbehandlung zu bezahlen. Ihre Beziehung zu Tomek ist ebenso von aufrichtiger Zuneigung wie von erzwungener Berechnung geprägt. Durch die scheinbar nebensächliche Zahnkorrektur kann sie sich die Flucht aus der vorstädtischen Tristesse erkaufen. Hübsche Mädchen gibt es viele, die um die Aufmerksamkeit der wohlhabenden Männer buhlen. Ihre Jugend will Marta nutzen. Viel Zeit bleibt ihr nicht dazu. Chiemny ist mit beinahe zwanzig schon alt. Ihn wollen die pädophilen Kunden nicht mehr. Sein einstiger Freund Tomek sagt es ihm ins Gesicht, der mittlerweile selbst Zuhälter geworden ist. „Er kann gar nichts.“, sagt Tomeks Vater zuvor über seinen Sohn: „Da muss er sich drehen.“ Und sei es in eine kriminelle Richtung. Alles Geld ist ein kleiner Sieg im permanenten Existenzkampf, eine kurzfristige Entlastung vom finanziellen Druck.
Um Kompromisslosigkeit bemüht, verliert das übermäßig drastische Ende an Glaubwürdigkeit. Dennoch gelingt „Ich, Tomek“ ein authentischer Kinderfilm abseits des sentimentalen Kinderfilmkitschs, dessen von einer meterdicken Zuckerwatteschicht geschützte Helden sich mit Scheinproblemen herumschlagen. Glinskis Drama ist traurig, aber wahr.
Ende der kindlichen Unschuld.
Tomek: Filip Garbacz
Vater: Bogdan Koca
Marta: Anna Kuley
Chiemny: Daniel Furmaniak
Regie: Robert Glinski | Deutschland, Polen, 2009
Länge: 94 min | FSK: ab 16 | Buch: Joanna Didik, Robert Glinski | Kamera: Petro Aleksowski | Szenenbild: Stefan Hauck | Musik: Cornelius Renz | Schnitt: Kryzysztof Szpetmanski | Produktion: Witold Iwaszkiewicz

