Ich & Orson Welles
Handlung
„This is the stage where theatrical history is written!“, verkündet der egozentrische Orson Welles bei der Produktion seiner legendären „Hamlet“-Inszenierung im New Yorker Mercury-Theater. „Theatrical“ heißt bei Welles auch theatralisch. So einschüchternd wie sein Genie ist das Ego des Regisseurs und Hauptdarstellers, dessen Perfektionismus die Nerven des Ensembles und beinahe das Mercury ruiniert. Für den glühenden Amateurschauspieler Richard bedeuten die Bühnenbretter des Mercury die Welt – eine aufregende, verheißungsvolle Welt, die der undurchschaubare Welles regiert. Richards aufkeimende Gefühle zu Welles Assistentin Sonja und technische Pannen widersetzen sich der Regie des Genies. Doch Welles zeigt sich unerbittlich – nicht nur auf künstlerischer Ebene.
Meinung
„Possibilities, possibilities.“, bewertete ein Literaturlehrer das Talent der ehrgeizigen Schriftstellerin Gretta, der Richard wiederholt begegnet. Die Ungewissheit der verheißungsvollen Worte untermalt als melancholische Hintergrundmelodie Richard Linklaters bitter-süßes Coming-Of-Age-Drama. Die Möglichkeiten erfüllen sich für die Wenigsten, die übrigen Charaktere müssen damit leben, hinter ihnen zurückgeblieben zu sein. Als traurige Pointe, ironisch wie die köstlichen Jazz-Songs, mit denen der Soundtrack den aufstrebenden Geist der Epoche beschwört, bleibt von der Chance auf eine Karriere als Dramatiker, Schauspieler oder Musiker nur ein Schuhkarton mit Andenken. Zeitungs-ausschnitte und ein Foto Richards mit seinem Regisseur. Dort steht er hinter dem großen Orson Welles – in dessen Schatten. Zac Efron ergeht es in seiner Rolle wie seiner Filmfigur. Betritt Welles die Bühne, richtet sich das Spotlight auf ihn, im praktischen und figürlichen Sinne. Der Titel „Ich & Orson Welles“ spiegelt Richards subjektives Wunschdenken. Er ist alles, was Richard sein soll: tragischer Held, leidenschaftlicher Liebhaber, ehrgeiziges junge Talent. Welles dirigiert das Bühnenstück und spielt dessen Hauptrolle, seine Person ist der Aufhänger der Story, Christian McKays schauspielerische Tour de Force das Zentrum des Dramas. Auf mehreren Ebenen ist Welles Dreh- und Angelpunkt der Handlung, ein dramaturgisches Kompliment, welches dem brillanten Egomanen gefallen hätte. Nie gibt Linklaters pointiertes Drama vor, Welles Persönlichkeit begriffen zu haben. Er bleibt schillernd und undurchschaubar, ein Meister und Manischer auf der Jagd nach künstlerischer Perfektion.
In unzähligen historischen Details und biografischen Anspielungen verweist Linklaters filmischer Balanceakt auf Welles Vergangenheit und Zukunft. Despot und Genie, motiviert und manipuliert er sein Ensemble, um seine künstlerische Vision zu verwirklichen. Ein Erfolgserlebnis, das dem realen Welles selten vergönnt war. Eine der nie ganz erfüllten „Possibilities“ ist seine eigene Karriere. Eine Persönlichkeit zu haben, ist problematisch in einem von Egozentrikern regierten Metier. David O. Selznik, The New Yorker – die Mächtigen, Macher und deren Mittler bleiben unsichtbar, vertreten nur durch Telegramme, Telefonate und Briefe. Die Selbstachtung der jungen Künstler zertreten sie, mit den von ihnen geförderten Karrieren können sie es später gleichtun. Mit Gretta betrachtet Richard schließlich wieder die griechische Urne, vor der sie aus dem nach einer solchen benannten Gedicht von Keats zitierte. Noch ein junges Genie. Nun erwartet Gretta ihre Episode als vielversprechendes Jungtalent. Als solches wurde auch Linklater von Manchen gehandelt, als er 1991 mit seinem Film „Slacker“ ein Epitheton einer Generation schuf. Filmgeschichte hat er nicht gedreht, denn selbst kleine Glanzstücke wie „Me & Orson Welles“ sind eine Spur zu flatterhaft.
Wie der Vogel in jener zweiten Museumsszene von „Ich & Orson Welles“: Gleich Gretta, Richard und dessen Namensvetter und Geistesverwandten Linklater einer, der sich in den Schatten Größerer verirrt hat. Ein Wachmann scheucht ihn aus den hohen Hallen, während Richard und Gretta gehen. Schon fliegt er fort. Süßer Vogel Jugend. Was zuerst so hoffnungsvoll klang, klingt schmerzlich und trist. Possibilities, possibilities. Bye, bye, Birdie.
The World´s a stage and all the men and women merely players.
Orson Welles: Christian McKay
Richard Samuels: Zav Efron
Sonja Jones: Claire Danes
Joseph Cotton: James Tupper
Gretta Adler: Zoe Kazan
George Coulouris: Ben Chaplin
Regie: Richard Linklater | Großbritannien, 2008
Länge: 109 min | FSK: ab 12 | Buch: Holly Palamo, Vince Palamo | Kamera: Dick Pope | Musik: Michael J. McEvoy | Schnitt: Marc Marot | Produktion: Richard Linklater, Ann Carli, Marc Samuelson

