How I ended this summer


Handlung

Es wird ein langer, einsamer Sommer. Der junge Hochschulabsolvent Pavel verbringt ihn freiwillig auf der einsamen Wetterstation Chukotka, an einem der entlegensten Orte Russlands. Nur sein schweigsamer älterer Kollege Sergei arbeitet in der kleinen Hütte. Die Gedankenlosigkeit des Jüngeren weckt schwelende Wut in Sergei, der seiner Tätigkeit mit verbittertem Ernst nachgeht. Die drückend Enge macht einander Ausweichen unmöglich. Die einzige Verbindung zur Außenwelt ist das Funkgerät. Über Funk muss Pavel eine schreckliche Nachricht für Sergei entgegennehmen. Die Botschaft zu überbringen, wagt er nicht. Als Pavel erfährt, dass das angekündigte Versorgungsschiff nicht kommt, konfrontiert er Sergei mit der Wahrheit.


Die psychische Anspannung löst eine bedrohliche Veränderung aus. Zwischen den beiden Männern kommt es zu einer Konfrontation, kaltblütig und unerbittlich wie die eisige Landschaft.

Meinung

„Das hier wird immer die Arktis sein.“ Sergeis Worte in einer frühen Szene beschreiben die Stimmung, welche von Alexei Popogrebskys Berlinale-Beitrag bleibt. Pointiert inszeniert der Regisseur die Eintönigkeit des Lebens auf der Station. Der Mensch verschwindet vor der übermächtigen Natur. Chukotka ist einer der letzten Orte, an denen die Zivilisation unterliegt. Sergei kennt diese Lektion, Pavel muss sie erst lernen - ausgerechnet von seinem Kollegen, dem einzigen anderen Vertreter der Zivilisation. Der verspielt komödiantische Ton, in welchem „How I ended this Summer“ beginnt, ist trügerisch. Das über zweistündige Werk wandelt sich schleichend vom Drama zum Thriller und nimmt schließlich allegorische Züge an. Die extremen Umstände der Umgebung spiegeln die psychologischen Extreme, welche die Figuren durchleben.

Die verborgenen Gefahren des Ortes deuten sich in subtilen Szenen an. Nie vergessen, das Gewehr zu laden, mahnt Sergei. Ein unbewaffneter Ausflug Pavels bleibt ohne Folgen. Später ist er auf der Flucht, zuerst vor einem Eisbären, dann vor Sergei. Seine Spannung bezieht das mal elegische mal gehetzte Drama aus dem Kontrast seiner beiden Figuren. Die Charaktere verkörpern den Kontrast von Kind und Erwachsenem, Schüler und Lehrer, Impuls und Kalkulation. Pavel hängt sich an die Funkschüssel der Wetterstation wie an ein Karussell, isst das bei Kindern beliebte russische Mischka-Konfekt und spielt Computerspiele. Gleich der Computerfigur seines Ego-Shooters hetzt er später durch die Landschaft. „Das ist kein Spielplatz.“, warnte ihn zuvor Sergei. „Leute sind da draußen gestorben.“ Pavel könnte einer von ihnen sein. Was ihn vor dem erfahrenen Älteren auszeichnet, ist Anpassungsfähigkeit. Das Duell der Männer ist nicht physisch, sondern strategisch und psychologisch. Mehrfach beweist Sergei seine Unfähigkeit, mit Veränderungen umzugehen: mit Pavels Aufenthalt, der traumatischen Nachricht, der Ankunft des Schiffs.

Der Filmtitel ist dem eines Essays entliehen, welches Pavel während seines Aufenthalts auf der Wetterstation schreiben möchte. Jener nur in einer einzigen Szene von Sergei erwähnte Essay ist eines Rätsel in Popogrebskys schwer ergründbarem Werk. Nie sieht man Pavel an jenem Essay schreiben, noch scheint er dafür nach Erfahrungen zu suchen. Sammeln muss er sie dennoch. Später scheint er fast dankbar für das Erlebte. Indirekt ist der psychische Kampf auch ein Männlichkeitskampf, ein archaischer Initationsritus, welcher in Ebenbürtigkeit mündet. Oder gab es nie Pläne zu einem Essay, bezeichnet Sergeis Annahme seine Fehleinschätzung Pavels? Was sollte ein junger Mensch sonst draußen im Nirgendwo wollen, als in der Einsamkeit ein literarisches Werk zu verfassen. Sergei selbst hingegen geht in seiner Isolation auf, die am Ende des arktischen Sommers doppelt besiegelt wird. In Bildern von beinahe surrealer Entrücktheit inszeniert Popogrebsky die Einsamkeit der Seele an einen Ort, der sich Zeit und räumlicher Begrenzung zu entziehen scheint.

Im Angesicht der gewaltigen Naturkulisse, der epischen Länge des Films und der thematischen Vieldeutigkeit schrumpft die Dramatik letztlich zu einem winzigen Punkt. Ein Flackern im Zwielicht wie das Wetterlicht auf der Station, welches in der letzten Szene in der Dunkelheit glimmt. Das hier wird immer die Arktis sein.

Der kälteste Winter war ein Sommer in Chukotka.

von Lida Bach



Pavel: Grigory Dobrygin

Sergei: Sergei Puskepalis

Regie: Alexei Popogrebsky | Russland, 2010

Länge: 125 min | FSK: ab 12 | Buch: Sergei Popogrebsky | Szenenbild: Gennady Popov | Musik: Dimitry Katkharov | Schnitt: Ivan Lebedev | Produktion: Roman Borisevich