Here & There


Handlung

„Auf Geschäftsreise“ sei er in Belgrad, behauptet Robert, als er der Belgraderin Olga das erste Mal gegenüber steht. Der alternde Blues-Musiker ist aus New York angereist, um eine arrangierte Ehe für seinen Bekannten Branko einzugehen. Das Ehepartnervisum soll dessen junger Freundin Ivana die Einreise in die USA ermöglichen, die vom Umzugshelfer Branko versprochene Bezahlung dem mittellosen Robert, der seine Inspiration zum Spielen verloren hat, aus der finanziellen Misere helfen. Während er bei Brankos allein lebender Mutter Olga auf die Bezahlung für die Scheinehe wartet, kommen er und Olga sich näher. Als Branko sein Wagen gestohlen wird und er daher keine Aufträge mehr annehmen kann, bittet er Robert um Aufschub. Robert hält indes mehr als nur Geschäftliches in Belgrad.

Meinung

Nur mit einem Koffer reist Robert in Belgrad an. Darin trägt er sein seit langem nicht mehr benutztes Instrument. Seine verstummte Musik ist alles, was er noch besitzt. Den Blues spürt er jeden Tag, nur sein Saxophon gibt ihn nicht mehr her. „Für mich siehst du immer noch wie ein Musiker aus.“, sagt Olga. Verdammt Recht hat sie, betrachtet man diesen leicht abgerissenen, aber nie schäbigen Typen. Er ist müde, erschöpft, desillusioniert, gerade so viel, wie er es als Jazz-Musiker sein muss. In dem schwarzen Jacket erinnert er vage an Blixa Bargeld und das Haar trägt er hochgebürstet wie Jim Jarmusch. Der ist zwar kein Musiker, aber trotzdem ein cooler Typ, der Filme macht, in deren Figurenensemble Robert gut passen würde. Und wie könnte nicht verstummte Musik anklingen, wenn Roberts Mitbewohnerin in „Here & There“ Cyndi Lauper ist? Auf der Leinwand heißt sie Rose, eine ebenso einsame Gestalt wie der Hauptcharakter, die sich für ein niemals stattfindendes Date zu schminken scheint und Robert mahnt, von ihrem Wodka zu lassen – damit will sie sich betrinken.

In der Fremde findet Robert mit Olga eine Geborgenheit, welche er in New York verloren hat, vielleicht nie erlebte. Tanzt das gealterte Paar im Halbdunkel eines serbischen Cafés, begleitet leise Romantik die beiden Vereinsamten bei ihren unsicheren Schritten zu einer möglichen Zweisamkeit. Beide fürchten und ersehnen dieses Zusammensein, welches die äußeren Umstände unmöglich machen. Der Filmtitel „Here & There“ spielt auch auf die emotionale Distanz der Figuren an, welche der räumlichen entgegengesetzt ist. Umso näher die Menschen sich psychisch sind, desto größer die räumliche Entfernung, welche sie trennt. Für die Armut seiner Figuren findet Darko Lungulov bitter-komische Szenen, die ein nüchternes Bild materiellen Mangels zeichnen. Der morgendliche Wettlauf zum Pfandflaschenautomaten, um nicht auf die Anderen mit „nicht haushaltsüblichen Mengen“ Leergut warten zu müssen, bevor man die eigene nicht haushaltsübliche Menge einwirft. Die Slums New Yorks und die triste Stadtlandschaft des kriegsversehrten Serbiens verschmelzen zur einer grauen Einöde. „Here & There“ sehnen sich die Menschen nach der Flucht, dorthin, wo es besser ist, wenigstens anders.

Ein Mechaniker, der Branko ausnimmt, flucht über New York. Die serbische Zigarettenverkäuferin tarnt ihre ernsthafte Bitte, Robert möge sie mit nach New York nehmen, nur notdürftig als Scherz. Nur eine verwandte Seele vermittelt in der städtischen Leere Zugehörigkeit; scheinbar unbedeutende Worte, ein Blick oder ein Brief. Lungulov lässt seine persönlichen Erfahrungen als serbischer Umzugshelfer in New York in der Szenerie auferstehen.


Erblickt Ivana schließlich die Skyline New Yorks, erscheint sie ihr noch schöner als im Kino. Robert sieht in den grauen Straßenschluchten seiner alten Bekannten entgegen, der Einsamkeit: „Es ist nicht Belgrad.“, seufzt er. Zu Hause ist, wo das Herz ist.


Cyndi Lauper als Muse.

von Lida Bach



Robert: David Thornton
Olga: Mirjana Karanovic
Branko: Branislav Trifunovic

Ivana: Jelena Mrdja
Rose: Cyndi Lauper

Regie: Darko Lungulov | Serbien, USA, Deutschland, 2009

Länge: 90 min | FSK: ab 6 | Buch: Darko Lungulov | Kamera: Mathias Schöningh | Szenenbild: Phil Buccellato, Ivana Nikolic, Marija Jocic | Musik: Dejan Pejovic | Schnitt: Derjan Urosevic | Produktion: Darko Lungulov, Geroge Lekovic, David Nemer, Vladan Nikolic, Branislav Trifunovic