Herbstmilch
Handlung
Anna verlor schon als Kind ihre Mutter und musste sich unter harten Lebensbedingungen um ihre acht Geschwister kümmern. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im ländlichen Niederbayern lernt die junge Bäuerin bei einer politischen Veranstaltung den Bauern Albert Wimschneider kennen. Mit der Zeit verlieben sich die beiden ineinander. Nach der Hochzeit mit Albert zieht sie auf den Hof seiner Familie. Von Anfang an kann Alberts Mutter ihre Schwiegertochter nicht leiden und erniedrigt sie, dazu muss Albert zum Militär und die beiden Frauen bleiben allein zurück. Anna ist weiterhin den Beschimpfungen und bösartigen Unterstellungen ihrer Schwiegermutter ausgesetzt. Die einzigen Lichtblicke sind die Besuche ihres Ehemanns während seines Urlaubs, in dem die beiden unter anderem das Anfertigen ihres Hochzeitsfotos nachholen. Kurz darauf stellt sich heraus, dass Anna schwanger ist, eine Nachricht, die ihre Schwiegermutter überhaupt nicht begeistert.
Als diese Anna vorwirft, sie bestohlen zu haben, kommt Albert vom Militär zurück, bezieht klar Stellung zu seiner Frau und schickt seine Mutter für immer weg.
Meinung
Was an diesem Film vielmehr in Erinnerung bleibt als die Geschichte, sind die schönen Bilder. Und hier liegt auch eine Stärke des Films. Die schönen Landschaftsaufnahmen, die die Kamera langsam und liebevoll einfängt, stehen im Gegensatz zum harten Arbeitsalltag der Bauern und den Schicksalsschlägen, die die Hauptfigur einstecken muss. Sehr schön ist hier der Übergang von Sommer zu Winter dargestellt, indem sich die sommerliche Landschaft ohne einen Schnitt in eine Schneelandschaft verwandelt. Überhaupt wird der Wechsel der Jahreszeiten in den Bildern berücksichtigt. Da er das Leben der Bauern bestimmt, ist das nicht unbedeutend. Einen Einblick in den Alltag der Bauern zu gewähren, ist eine weitere Stärke des Filmes. Und das scheint dem Regisseur genauso wichtig zu sein wie die Handlung. Häufig sieht man die Menschen bei der Feldarbeit, bei der Geburt eines Kalbs, beim täglichen Gebet oder beim Zubereiten von Speisen, wobei die Zutaten in Großaufnahmen gezeigt werden, sodass man den Leuten über die Schultern sehen kann. Als sich Anna zu Beginn des Films an die schweren Tage ihrer Kindheit erinnert, werden daher erst einmal ihre verschiedenen Aufgaben gezeigt, bis Handlung eintritt. Dadurch wird dem Zuschauer das ländliche Leben aus dieser Zeit nahe gebracht und man kann sich gut in dieses Leben hineinversetzen.
Nicht nur durch die detaillierte Darstellung des Alltags wird Wert auf Authentizität gelegt. Der Film wurde an Originalschauplätzen gedreht, sämtliche Einheimische wirkten mit. Auch der echte Albert Wimschneider spielt die Nebenrolle seines eigenen Onkels. Die Bäuerin Anna Wimschneider, deren Memoiren Vorlage für diesen Film waren, hat einen Cameo-Auftritt zu Beginn und Ende des Films. Sie schiebt ein Fahrrad durch die verschneite Landschaft. Diese Szenen bilden somit einen Rahmen für die Geschichte. Es ist daher anzunehmen, dass sie sich selbst spielt und die eigentlich Handlung ihre Erinnerungen an diese Zeit sind. Während des Abspanns erklärt sie im Off die Zubereitung der Herbstmilchsuppe, die dem Film seinen Namen gibt. Um die authentische Stimmung zu verstärken, sprechen fast alle Figuren mit Dialekt. Anders als in Filmen wie Xaver Schwarzenbergers „Margarete Steiff“, wo der starke Dialekt nur angedeutet ist, oder Joseph Vilsmaiers späteren Film „Leo und Claire“, wo auf Dialekte verzichtet wird, sind in „Herbstmilch“ die Dialoge in tiefem Bayrisch angelegt. Sogar die tschechische Hauptdarstellerin Dana Vávrová spricht ihren Text so, dass er zumindest für jeden, der nicht mit diesem Dialekt aufgewachsen ist, mit der Sprache der anderen Darsteller harmoniert. Der Nachteil der Verwendung von Dialekten ist, dass die Dialoge für viele Zuschauer nur schwer verständlich sind, zumal hier auch lokale Bezeichnungen vorkommen. Die Ausstattung der Innenräume der Häuser ist frei von jedem Kitsch. Sie sind oft dunkel und wirken bedrückend. Die vielen Außenaufnahmen bieten daher eine gute Abwechslung im Szenenbild. Die Musik, die oft intradiegetisch gespielt wird, passt zum Bauernmilieu. Ein wiederkehrendes Motiv ist der Kuckuckswalzer, der bei glücklichen Anlässen einsetzt.
Besonders Dana Vávrová spielt ihre Rolle überzeugend. Auch Werner Stocker passt gut zu seiner Figur. Insgesamt lässt sich sagen, dass die Schauspieler mit sehr viel Natürlichkeit spielen. Besonders die alten Darsteller verhalten sich wie Menschen im Alltag. Die Rollen sind zum größten Teil glaubhaft, wenn auch die Figur der Schwiegermutter stark überzeichnet ist. Gelungen sind die nächtlichen Gespräche zwischen Anna und ihrer Schwester Resl, da man auf diese Weise einen guten Einblick in die Gefühle der Hauptfigur bekommt.
Was „Herbstmilch“ aber bei all den schönen Landschaften und der realistischen Darstellung des Umfeldes fehlt, ist eine gute Story. Die Ereignisse in Annas Leben sind aneinandergereiht, ohne sich sinnvoll miteinander zu verbinden. Durch diese Einfachheit bleibt die Handlung oberflächig. Zudem entwickeln sich die Figuren kaum. Anna hat ein paar Szenen, in denen sie ihre energische Seite zeigen darf, doch letztendlich stagniert sie. Auch Alberts einzige Veränderung besteht darin, in den letzten Filmminuten den Respekt gegenüber seiner Mutter zu vergessen und sich voll und ganz auf die Seite seiner Ehefrau zu schlagen. Daher fehlt den Figuren etwas Originelles, das sie interessant macht. Es sind Alltagsmenschen, die einem mehr oder weniger sympathisch erscheinen und für jeden, der sich nicht mit ihnen identifizieren kann, sofort langweilig werden. Der Handlungsverlauf geht zäh voran. Vielleicht hätte es nicht geschadet, auf die eine oder andere Alltagsdarstellung oder so manchen Dialog zu verzichten. Die Handlung wirkt schleppend, man wartet auf eine Veränderung, doch es sind nur für die Gesamthandlung unbedeutende Kleinigkeiten, die passieren.
Das Ende wirkt sehr konstruiert. Albert erscheint wie der ersehnte Erlöser, der das Happy End herbeiführt.
Joseph Vilsmaier hat einen modernen Heimatfilm geschaffen, der Klischees dieses Genres wie die heile Welt, die beispielsweise in Klassikern wie „Grün ist die Heide“ vorkommt, weitgehend hinter sich lässt. Man erkennt durch die Sorgfalt einer realistischen Darstellung, wie viel dem Regisseur der Film bedeutet haben muss. Dadurch, dass Anna Wimschneider bei diesem Film mitgewirkt hat, war mit Sicherheit auch ihr dieser Film wichtig. Doch vielleicht hätte es zu all der Liebe für die Heimat noch ein bisschen mehr Handlung gebraucht.
Schöne Bilder, aber etwas zähe Story.
Anna Wimschneider: Dana Vávrová
Schwiegermutter: Renate Grosser
Albert Wimschneider: Werner Stocker
Resl: Ilona Mayer
Regie: Joseph Vilsmaier | Deutschland, 1989
Länge: 107 min | FSK: ab 12 | Buch: Peter Steinbach | Kamera: Joseph Vilsmaier | Szenenbild: Wolfgang Hundhammer | Schnitt: Ingrid Broszat | Musik: Norbert Jürgen Schneider | Produktion: Joseph Vilsmaier

