Herbst
Handlung
Im Frühjahr könnten sie in die Berge fahren, sagt Yusufs Freund Mikail. Jetzt sei das Wetter zu schlecht. Yusuf schweigt betrübt. Im Frühjahr wird es für ihn zu spät sein. Todkrank ist er in sein Heimatdorf zurückgekehrt, welches er zehn Jahre nicht besucht hat. Zehn Jahre seiner Jugend, die Yusuf im Gefängnis verbracht hat. Dass er ein ehemaliger politischer Häftling ist, verbirgt Yusuf nicht. Seinen bevorstehenden Tod hingegen verschweigt er allen, auch seiner greisen Mutter, in deren Hütte er seinen letzten „Herbst“ verbringt. Bei einem Besuch in der Stadt begegnet ihm die junge Prostituierte Eka. Behutsam nähren sich die beiden einander an. Aus ihrer Vertrautheit wächst Liebe. Eine Liebe, von der beide wissen, dass sie keine Zukunft hat. Die Zeit, die ihnen bleibt, ist kurz. Yusuf fühlt den Tod näher kommen. Eka sehnt sich nach der Rückkehr in ihre georgische Heimat.
Meinung
Die Einsamkeit liegt über allem. Sie spricht aus den Blicken der Menschen, ruht in der Stille der Landschaft. „Sonbahar“ ist das türkische Wort für „Herbst“. In Özan Alpers melancholischem Debütwerk wird die Jahreszeit zur traurigen Metapher für ein sich dem Ende zuneigendes Leben. Die Blätter welken wie Yusufs Gesundheit dahin. Mit der Kälte des Winters naht für ihn die Kälte des Todes. Fast erfroren liegen die Gefühle der Protagonisten unter einem Mantel aus Verschlossenheit und Schweigen. Bevor sie einander nahe kommen können, müssen Yusuf und Eka ihre innere Zurückgezogenheit überwinden, gewachsen aus der Furcht, sich verwundbar gegenüber Anderen zu machen. In der ersten gemeinsamen Nacht reden sie miteinander bis der Morgen anbricht. In ihrer intensiven emotionalen Vertrautheit verrät sich, wie groß ihre Sehnsucht nach Zuneigung ist. „Herbst“ ist ein Drama der Einsamkeit. Die seelische Isolation lastet wie der düstere Himmel über den Protagonisten. Im Laufe der Jahre haben sie sich an ihr Alleinsein gewöhnt. Sie glauben nicht mehr, ihrem Leid entkommen zu können. Wie Yusufs alte Mutter Gülefer tragen sie ihr Los klaglos und genügsam, bis der Tod sie davon erlöst.
Das Dorf in „Herbst“ ist ein Gefängnis für sich. Mikail wollte vor zehn Jahren fort, doch er ging nie. Nur Yusuf hat mit seiner Freilassung die Gefangenschaft hinter sich gelassen. Er, der als Einziger sein Leben ausschöpfen möchte, muss dieses Leben aufgeben. Yusuf und Eka erkennen einander als zwei Beraubte. Ihm wurden die besten Jahre seines Lebens im Gefängnis genommen, sie muss sie als Prostituierte fristen. Dass sie einander finden, lässt beide den Verlust ihrer jungen Leben noch schmerzlicher spüren. Kaum wagen sie es, zusammen zu sein, aus Angst vor der qualvollen Trennung. Die zwischenmenschliche Kälte stumpft die Protagonisten jeden Tag ein wenig mehr ab. Gefühle zuzulassen, ist für sie ein verstörender, fast qualvoller Prozess. Trotz ihres seelischen Schmerzes sind die Menschen zu berührender Zuneigung fähig. Raife Yenigül bewegt mit ihrer ergreifenden Darstellung von Yusufs Mutter. Unermüdlich versucht sie, den Kranken gesund zu pflegen und zum Leben zu ermutigen, nicht ahnend, dass er dem Tod näher ist als sie. Ihre Wiedersehensfreude ist getrübt von der Sorge, ihr Sohn werde wie sie einsam altern. Alpers Szenen sind sorgfältig komponierte Symphonien. Von Tag zu Tag verschmilzt Yusuf mehr mit der Natur, bis er im Tod in ihr aufgeht. Lebendigkeit herrscht nur in den Handkamera-Bildern, die bruchstückhaft Yusufs Erinnerungen zeigen.
„Trotz allem ist das Leben lebenswert.“, wird den Gefangenen in einer Szene aus Yusufs Erinnerungen über Lautsprecher zugerufen. Der Widerhall des Megafons lässt die Worte hohl klingen, eine Phrase, die der Sprecher selbst nicht glaubt. Getrennt voneinander sehen Yusuf und Eka kurz vor ihrem Abschied die gleiche Fernsehverfilmung von „Onkel Wanja“. Eines Tages werden sie auf ihr Unglück zurückblicken und zufrieden sein, heißt es darin. Mit der zärtlichen Trauer jener Bühnentragödie und einem letzten Lied verklingt Alpers „Herbst“.
Jahreszeit der Einsamkeit.
Yusuf: Onur Saylak
Mikail: Serkan Keskin
Yusufs Mutter: Raife Yenigül
Eka: Megi Kobaldaze
Regie: Özan Alper | Türkei, 2008
Länge: 105 min | FSK: ab 12 | Buch: Özan Alper | Kamera: Feza Caldiran | Szenenbild: Canan Cayir | Musik: Yuri Rydahenko, Onok Bozkurt, Aysenur Kolivar | Schnitt: Thomas Balkenhol | Produktion: F. Serkan Acar, Kadir Sözen

