Haze
Handlung
Ein namenloser, verwundeter Mann ohne Gedächtnis findet sich in einem bizarren Betonlabyrinth wieder. Seine Bewegungsfreiheit ist durch den engen Raum so eingeschränkt, dass er sich nur mit Händen und Füßen durch die verwinkelten Gänge hindurch winden kann. Auf dem Weg durch Blutlachen und menschliche Körperteile trifft er auf eine Leidensgenossin.
Meinung
Ein Mehr an Beschreibung würde den Effekt untergraben, den der Regisseur und Hauptdarsteller Shinya Tsukamoto anstrebt. "Haze" kann für Schikane und Schinderei stehen, aber gleichsam auch für Trübung, Dunstschleier, und im Sprachgebrauch kann "Haze" auch einen Drogenrausch beschreiben. Hier ist "Haze" ist ein experimenteller Horrorfilm mit surrealen Elementen und könnte spontan mit Filmen wie "Cube" oder "Saw" assoziiert werden. Der Regie-Extremist Tsukamoto will jedoch, dass sein Publikum intuitiv auf seinen klaustrophobischen, beklemmenden Reigen psychischer Extremzustände reagiert – je weniger der Zuschauer über den Film weiß, desto besser funktionieren die Schock-Mechanismen Tsukamotos.
"Haze" ist ein experimenteller Film, der nicht unbedingt Jubelstürme bei Fans der "Saw"-Franchise auslösen wird – der Film hat keinen moralisierenden Killer, keine blutigen Folterspielchen und kein überraschendes Ende, ja, er hat auch in dem Sinne keinen wirklichen Plot, wie etwa die Sinnfindung bei "Cube". In "Haze" versucht der japanische Avantgarde-Regisseur, der durch seinen wichtigsten Film "Tetsuo – The Iron Man" meist mit Body-Horror à la David Cronenberg verbunden wird, mit filmischen Mitteln, die existenzielle Verlorenheit des Subjektes in der modernen Industriegesellschaft oder auch das Grauen von physischen und psychischen Foltertechniken darzustellen, wie es auch Eli Roth in "Hostel" versucht hat. So könnten jedenfalls zwei Interpretationsansätze herangezogen werden, die der Sache allein sicherlich nicht gerecht werden würden. Der erste entspricht dem klassischen Sujet des Horrorfilms, der andere dem Zeitgeist, dem auch "Hostel" oder die "Saw-Reihe" zu entsprechen versucht hat. Das Motivspektrum von Tsukamoto geht allerdings noch weiter. Der Regisseur David Cronenberg etwa, mit dem Tsukamoto oft verglichen wird, arbeitet in "Videodrome", seinem wohl experimentellsten Film, Elemente heraus, die sein gesamtes späteres Werk durchziehen sollten. Auch Tsukamoto zeigt uns mit "Haze", wie ein moderner Horrorfilm funktionieren und welche Mittel man anwenden kann, um das Grauen physisch unmittelbar auf den Betrachter wirken zu lassen.
"Haze" sollte man am besten mit einem Minimum an Vorwissen ansehen. Wer mit „Tetsuo – The Iron Man“ nichts anfangen konnte oder generell einen schwachen Magen und ein dünnes Nervenkostüm besitzt, der sollte von "Haze" lieber die Finger lassen. Der Film gibt dem Zuschauer keine Antworten – er lässt die Bedrohung in den dunklen Betonschächten nicht materiell werden. Auch Fans der "Saw"-Reihe und solche, die generell experimentellen Filmen weniger zugeneint sind, werden mit "Haze" nicht glücklich; diese würden sicherlich nicht zu Unrecht anführen, dass der Film mit seinen bescheidenen 49 Minuten seine Möglichkeiten einfach nicht ausreizt. Länger braucht Tsukamoto allerdings nicht, um den Zuschauer durch einen katharsischen Seelentrip zu schicken, an dessen Ende nur Verstörung und offene Fragen stehen.
Tsukamoto scheut sich allerdings keineswegs vor der letzten Konsequenz der Katharsis, die doch beim Horrorgenre mittlerweile verpönt ist: Die Erlösung. Die beiden Figuren können am Ende aus dem Betonlabyrith ausbrechen und in die Freiheit fliehen.
Ein kurzer, albtraumhafter Horror-Trip.
Mann: Shinya Tsukamoto
Frau: Kaori Fujii
Regie: Shunya Tsukamoto | Japan, 2005
Länge: 49 min | FSK: ab 18 | Buch: Shinya Tsukamoto | Kamera: Shinya Tsukamoto | Szenenbild: Shinya Tsukamoto | Schnitt: Shinya Tsukamoto | Musik: Chu Ishikawa | Produktion: Gold View Company Ltd.

