Gun Crazy


Handlung

Wie Waffe und Munition passen sie zusammen. Der als Waise bei seiner älteren Schwester Ruby aufgewachsene Pistolen-Narr Bart Tare fühlt es, als er der lebenshungrigen Jahrmarktschützin Annie Laurie Starr begegnet. Als der schmierige Schausteller Packett hinter ihr Liebesverhältnis kommt, feuert er beide. Statt ihre Waffen an den Nagel zu hängen, laden Laurie und Bart mit scharfer Munition nach. Eine Serie von Raubüberfällen macht sie zu landesweit gesuchten Verbrechern. Doch lieber ist das junge Paar auf der Flucht vor der Polizei als auf der Flucht vor ihrer wahren Natur. Die Schlinge der Fahnder zieht sich enger.


Die Wälder, in denen Bart als kleiner Junge das Schießen übte, wird für das Paar zum Galgenstrick: Nun stehen sie im Zielvisier.


Meinung

„I´ve been kicked around all my life and from now on I´m gonna start kicking back.“, sagt Bart in einer frühen Szene. Kaum ein Film der Ära vermittelt Frustration und Ausweglosigkeit drastischer als „Gun Crazy“. Unentrinnbar zieht Joseph H. Lewis´ Strudel aus Sex und Tod, Liebe und Gewalt den Zuschauer in die Handlung. Schnurrt Annie mit provokanter Stimme „I told you I´m a bad girl, didn´t I?“ ist ihre Warnung ein Lockruf. Annie und Bart sind das ultimative Gangsterpärchen, gegenüber dem Arthur Penns „Bonnie und Clyde“ oder Oliver Stones „Natural Born Killers“ harmlos erscheinen. MacKinlay Kantors Erzählung verarbeitete Drehbuchautor Dalton Trumbo zu einem harschen Road Movie von ungebrochener emotionaler Intensität. Die Tagline des Filmposters stellt klar, worum es in Lauries und Barts Beziehung geht: „Thrill Crazy! Kill Crazy! Gun Crazy!“ - Nervenkitzel, Töten und Waffen sind der Stoff, aus dem ihre Träume sind – Alpträume der amerikanischen Mittelschicht. Die ungenierte Verachtung deren beschränkten Spießbürgertums zeichnet „Gun Crazy“ bis heute als subversives Unikat aus.

Anders als die flüchtigen Paare in Fritz Langs „You only live once“ oder Nicholas Rays 1949 erschienener „They live by night“ wählen Laurie und Bart das Leben außerhalb der Gesellschaft. Wie sie über jene denkt, verrät Lauries verächtlicher Blick auf Barts Schwester. Aus Furcht vor Zensur sollte deren Familienleben als positiver Gegenentwurf zu Barts und Lauries Existenz inszeniert werden. Doch Lewis vermeintliche Akklamation ist so unaufrichtig wie die halbherzigen Wiedereingliederungsversuche des Gangsterpärchens nach erfolgreichen Coups. Die hübsche, junge Ruby wird zur überarbeiteten Dreifach-Mutter in einer schäbigen Stadtrandsiedlung, deren Ehemann ständig arbeitet. Der amerikanische Traum wird selbst zum Alptraum, wenn er sich erfüllt. Unwiderstehlich ist dagegen Lauries nach reaktionären Maßstäben amoralisches Einfordern der eigenen Bedürfnisse. Sagt sie ihrem hilflosen Vorgesetzten und Liebhaber Packett, „I want action!“, sind damit nicht nur teure Flitterwochen gemeint, wie sie Bart und Laurie verleben. Der Reiz der Gefahr ist sexuell. Das Risiko wird zum Fetisch, dessen implizite Erotik Lewis subtil variiert. Ob Kunstschießen oder Glücksspiel, immer suchen Laurie und Bart Spannung. Thrill Crazy, Kill Crazy, Love Crazy. Wollen beide in unterschiedlichen Fluchtwagen entkommen, lässt Lewis sie gleichzeitig anhalten und umkehren.


Von dort an geht die Fahrt in den Tod zum ultimativen Kick. Ihre letzte Station vor dem Ende der Straße ist ein Jahrmarkt, ähnlich dem zu Beginn ihrer “Tödlichen Leidenschaft“, wie sie der damalige deutsche Verleihtitel beschwor.


Seine ungeschönte Sicht auf die Realität macht „Gun Crazy“ zu einem der düstersten Filme der Schwarzen Serie, übertroffen höchstens von „Detour“ und „Nightmare Alley“. Nie reiste es sich besser auf der Straße ins Verderben.

Happiness ist a warm gun.

von Lida Bach



Bart Tare: John Dall
Annie Laurie Starr: Peggy Cummins
Packett: Barry Kroeger

Dave Allister: Nedrick Young
Ruby Tare: Anabel Shaw

Regie: Joseph H. Lewis | USA, 1950

Länge: 86 min | FSK: ab 16 | Buch: Dalton Trumbo | Kamera: Russel Harlan | Musik: Victor Young | Schnitt: Harry Gerstad | Produktion: Frank King, Maurice King