Geliebtes Leben


Handlung

„Sarah schläft noch.“, erzählt die zwölfjährige Chanda ihrer kleinen Halbschwester. In Wahrheit wird das jüngste der vier Kinder der im ländlichen Südafrika lebenden Lilian niemals aufwachen. Woran das Baby gestorben ist, darüber will niemand reden. Chandas alkoholabhängiger Stiefvater Jonah behauptet, Lilians Milch habe ihr Baby vergiftet. Die wohlhabende Nachbarin Mrs. Tafa erzählt herum, ein Fluch läge auf Lilian. Schon lange spürt Chanda das Misstrauen der Nachbarn und Mrs. Tafas, die sich wie die Familie und Freunde ihrer Mutter von ihnen zurückziehen.


Tief im Herzen weiß Chanda längst, dass die von allen verleugnete AIDS-Infektion ihrer Mutter der Grund für die wachsende soziale Ausgrenzung ist. Doch statt vor der Wahrheit die Augen zu verschließen, will sie für ihre Familie und ihr „Geliebtes Leben“ kämpfen.


Meinung

„Allen Chandas dieser Welt“ widmet der deutsche Fernsehregisseur Oliver Schmitz sein Kinodebüt „Life, above all“. Angesprochen fühlen dürften sich davon die wenigsten Zuschauer. Besonders gilt dies für die Altersgruppe, an die sich „Geliebtes Leben“ vorrangig wendet: Kinder. Die junge Heldin des in Südafrika entstandenen Jugenddramas bewältigt geradezu Übermenschliches, um die von Problemen überfrachtete Handlung zu einem Happy End zu zwingen. In dem 2004 erschienenen Kinderbuch des kanadischen Autors Allan Stratton, das Schmitz Kinofassung zugrunde liegt, ist Chanda sechzehn Jahre alt. Schmitz verjüngt die fast erwachsene Hauptfigur zu der von der 13-jährigen Khomotso Manayake verkörperten Zwölfjährigen. Dem authentischen Spiel der Hauptdarstellerin zum trotz wirkt deren Figur, welche die Betreuung der jüngeren Geschwister, Haushalt, Schulprüfung, aufopfernde Sorge um die kranke Mutter und obendrein die Rettung einer missbrauchten Schulfreundin tapfer durchsteht, unrealistisch. An echtem Einfühlungsvermögen in die Lebensrealität der Landbevölkerung in Südafrika fehlt es den Filmemachern.

Bereits der hoffnungsvolle deutsche Verleihtitel deutet die optimistische Grundeinstellung von „Geliebtes Leben" an, der Tabuthemen wie AIDS, soziale Stigmatisierung und Kinderprostitution nur oberflächlich anreißt, als gelte es, das avisierte Familienpublikum nicht zu verschrecken. Die Beschönigung der komplexen und brennend aktuellen Thematik ist der Dramatik ebenso abträglich wie Chandas Vollkommenheit der Identifikation mit ihr. Ein kleiner Wutausbruch gegen ihre Freundin Esther, die im Dorf geschmäht wird, ist der einzige Fehler, welcher der Heldin zugestanden wird. Ihr Vorbildlichkeit scheint Chanda von ihrer Mutter Lilian geerbt zu haben, die auf die Rolle einer liebevoll-leidenden Dulderin reduziert wird. „Was hast du nur für eine Tochter. Sie ist ein Engel.“, muss selbst Mrs. Tafa an Lilians Sterbebett gestehen.


Chandas engelsgleiche Vollkommenheit bekehrt die Nachbarn, die eben noch zum Lynchmob zu werden drohten, zu strahlenden Cherubinen, die im Gospelchor „Amen“ singen. Psychologische Entwicklungsprozesse durchleben die Figuren nicht. Einzig Mrs. Tafa erfährt eine plötzliche Sinneswandlung, welche sie als Dea ex machina für Chandas Familie eintreten lässt.


Mrs. Tafas drohende Worte scheint Schmitz direkt an das Publikum zu richten: „Das hier ist die anständigste Familie von allen. Und sollte das jemand anders sehen...!“

Übermäßig lebensfrohes Drama.

von Lida Bach



Chanda: Khomotso Manyaka
Lilian: Lerato Mvelase
Jonah: Aubrey Poolo

Mrs. Tafa: Harriet Manamela
Esther: Keaobaka Makanyane

Regie: Oliver Schmitz | Südafrika, Deutschland, 2010

Länge: 106 min | FSK: ab 12 | Buch: Dennis Foon, Oliver Schmitz | Kamera: Bernhard Jasper | Szenenbild: Christiane Rothe | Musik: Ali N. Askin | Schnitt: Dirk Grau | Produktion: Oliver Stoltz