Gainsbourg - Der Mann, der die Frauen liebte
Handlung
Das Leben ist ein Chanson. Zunächst aber ist es ein Gemälde für Lucien Ginsburg. Der Sohn russisch-jüdischer Franzosen will Maler werden wie Salvador Dalí. In Bars tritt er nur auf, um seine Leinwand zu bezahlen. Doch die Stimme der musikalischen Inspiration wird lauter. Sie nennt Lucien Serge Gainsbourg und dringt sogar an Juliette Grecos Ohren. Gainsbourg wird zum Poète maudit des französischen Chansons. Der geborene Provokateur beginnt eine von Skandalen gezeichnete Künstlerlaufbahn – doch der Weg des Exzesses bringt ihn auch dem Tod näher.
Meinung
„Gainsbourg“ ist ein filmisches Chanson d´Amour, suggestiv wie das gestöhnte „Je t´aime...“ aus seinem mit Jane Birkin aufgenommenem Hit, widersprüchlich wie das darauf folgende „...moi non plus“. Joann Sfars Werk ist eine tollkühne Phantasmagorie. Das tragisch-komische Grand-Guignol stolpert aus einem Cartoon auf die Bühne eines absurden Theaters und wird im letzten Akt zur Oper. Optisch gleicht es dem Gesicht des Künstlers. Grobschlächtig, rau, nichts passt so richtig zusammen. Diese unverwechselbare Visage fasziniert Sfar so sehr, dass er sie zu einem eigenständigen Protagonisten macht: La Gueule. „Die Fresse“ ist die personifizierte Inspiration Gainsbourgs. Ein gewaltiges Amuse-Gueule, mit Spinnenfingern und einer Nase so überproportional wie das Ego des Künstlers. Sie packt ihn, als wäre sie ein dürrer Karlsson auf dem Dach, fliegt mit ihm, der sich nicht wehren kann und will, über das nächtliche Paris, dessen Fensteraugen wie Glühwürmchen funkeln. Sie setzte seine Gemälde und sich selbst dazu in Brand, um ihn zur Musik zu bekehren. Entflammt von Genie. Selbst abgenutzte Symbolik wird dank Sfars berauschter Übertreibung wieder originell. In einem schrecklichen Moment entschließt sich Gainsbourg, dem Affront und Dekadenz so gut stehen, La Gueule die Freundschaft zu kündigen. Da sitzt die Inspiration nachts auf dem Dach und weint. Am liebsten möchte man mitweinen.
La Gueule treibt ihn zu künstlerischen Höchstleistungen. Ebenso unerbittlich treibt sie ihn in den Abgrund. In „Vie heroique“ blickt Gainsbourg von Kindheit an in diesen Abgrund und der Abgrund in ihn. Beide wissen, dass sie füreinander bestimmt sind. Der Untertitel des deutschen Verleihs ist, wie so oft, unpassend. „Der Mann, der die Frauen liebte“ ist der Mann, der von den Frauen geliebt wird. Der große Verführer Gainsbourg ist im Film stets der Verführte. Sei es durch eine unbekannte Kunstschülerin, Jane Birkins schmollende Koketterie oder Juliette Greco und ihre sprechende Hauskatze. Seine Zurückhaltung ist das Geheimnis seiner Verführungskraft: „Man kann von einer Frau alles haben, wenn man nichts von ihr verlangt.“, sagte Gainsbourg. In „Vie heroique“ bekommt er noch mehr: Brigitte Bardot, die wie aus einer jugendlichen Sex-Fantasie in ein spießiges Künstlerwohnheim spaziert, Gainsbourgs nörgelndem Zimmernachbarn ihren Fifi anvertraut und dem Sänger ihre Pussy? Gainsbourg genoss die Rebellion so sehr und platzierte sie so geschickt, dass es leicht fällt, darin Kalkül zu sehen. Doch der Affront war echt. „Vie heroique“ schrieb Joann Sfar vor den Comicvorspann seines Films und in Klammern auf das Kinoplakat. Mehr Alternativ- denn Untertitel, passen die angemessen größenwahnsinnigen Worte weit besser auf „Gainsbourg“. Manchmal sind es die Randnotizen, in denen sich der Charakter verrät, der eines Kunstwerks oder der eines Menschens.
Als Biopic lässt sich „Gainsbourg“ kaum bezeichnen. Ein Kompliment wäre es für das Kinodebüt des Comic-Künstlers und Autors Sfar ohnehin nicht. „Ich liebe Gainsbourg viel zu sehr, um ihn ins Reich der Realität zurück zu holen.“, sagt Sfar über seine Titelfigur. „Die Wahrheit könnte mir gar nicht gleichgültiger sein.“
Gainsbourg confidentiel: L'Homme à tête de chou.
Serge Gainsbourg: Eric Elmosino
La Gueule: Doug Jones
Juliette Greco: Anna Mouglalis
Brigitte Bardot: Laetitia Casta
Jane Birkin: Lucy Gordon
Bambou: Mylene Jampanoi
Frehel: Yolande Moreau
Regie: Joann Sfar | Frankreich, 2010
Länge: 120 min | FSK: ab 16 | Buch: Joann Sfar | Kamera: Guillaume Schiffman | Klavier: Gonzales | Komponist: Olivier Daviaud | Schnitt: Maryline Monthieux | Produktion: Marc Du Pontavice

