Four Lions
Handlung
Eine Terrorzelle in Sheffield bereitet sich auf den Heiligen Krieg vor. Omar, Waj, Faisal und Barry, ein konvertierter Engländer, planen einen Terroranschlag gegen die „ungläubige“ Welt. Dabei geht so Einiges schief. Omar und Waj scheitern grandios im Terrorcamp in Afghanistan und die fünfköpfige Zelle – Barry hat in der Abwesenheit von Omar und Waj einen weiteren jungen Islamisten rekrutiert - ist somit bei ihrer Anschlagsvorbereitung auf sich gestellt. Ihre Tarnung ist immer kurz davor aufzufliegen, eine Idee der Mitglieder ist dümmer als die andere, das selbstgedrehte Terrorvideo besteht nur aus Outtakes und Faisal muss feststellen, dass sich Krähen nicht als Bombenträger eignen. Nachdem sie ins Visier der Polizei geraten, drängt Omar, der bei dem ganzen Chaos stets den Überblick behält, auf eine baldige Ausführung des Anschlags.
Beim London-Marathon kommt es schließlich zum Showdown – oder besser gesagt „Blow-Up“.
Meinung
Regisseur und Co-Autor Chris Morris machte sich in England als Satiriker und Enfant terrible der Comedyszene einen Namen. Mit bitterbösen Persiflagen und Sketchen schockte er in den 90ern die Fernsehnation, die sich immer wieder fragte, wie Morris mit diesem Material davon kommt. Er liebt es, mit Tabus zu spielen. Komik muss sich etwas trauen, so seine Meinung. Deshalb war es klar, dass sein erster Spielfilm keine 08/15 RomCom wird, sondern ein brisanter Streifen mit einer gehörigen Portion schwarzem Humor. Zwei Jahre schrieb er gemeinsam mit dem profilierten Comedy-Autorenteam Sam Bain und Jesse Armstrong an dem Drehbuch für die „Islamisten-Komödie“.
Man kann sich gut vorstellen, dass die Suche nach Produzenten für „Four Lions“ nicht so ganz einfach war. Eine Komödie über Terrorismus ist nicht gerade massentauglich und eine Geschichte um vier Selbstmordattentäter, die den Dschihad planen, hat auch nur begrenzt Komikpotential, war die einhellige Meinung. Und so geriet das Projekt zunächst ins Stocken. Ganz ähnlich erging es in den 70ern Monty Pythons Messias-Komödie „Das Leben des Brian“. Die Pythons hatten große Schwierigkeiten, Produzenten für ihren zweiten Spielfilm zu gewinnen, der in vielen Augen zu kontrovers war und zum Teil sogar als gotteslästerlich angesehen wurde. Damals rettete Beatle George Harrison das Projekt mit der simplen und genialen Begründung: Er wolle den Film gern sehen. Bei „Four Lions“ war es nun Chris Morris ehemaliger Arbeitgeber Channel 4, der mutig in die Bresche sprang und den Löwenanteil zu den Produktionkosten beisteuerte. Der Mut zahlte sich aus, denn das Resultat ist eine der besten britischen Komödien der letzten Jahre.
Dabei beachtet „Four Lions“ vor allem die erste Regel einer guten Komödie: Sie muss komisch sein. Die Gagdichte ist enorm. Ein Knaller folgt auf den nächsten, manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Witzige Dialoge und physical comedy, beides stark vertreten, eingebettet in eine glaubwürdige Story – bis auf einen abschließenden Gag, den sich Morris im Epilog erlaubt - mit glaubwürdigen Figuren, das ist die große Stärke von „Four Lions“. Ähnlich wie in „Das Leben des Brian“ gibt es keine Tiefschläge gegen die Religion selbst. Sie wird nicht Angriffsfläche des Humors, sondern deren fanatische Auslegung und Interpretation. Morris, so heißt es, habe Anhängern des Islams seinen Film vor der Veröffentlichung gezeigt und sie waren mit der Darstellung ihrer Religion einverstanden.
„Four Lions“ hat durchaus Elemente einer Farce, ohne dabei albern zu wirken. Oft ergibt sich die Komik aus dem Überspielen und Vertuschen des geplanten Anschlags, zum Beispiel beim Transport von Sprengstoff in Plastiktüten zu Fuß durch den Park, weil mal wieder die Zündkerzen vom Auto streiken – alles Teil einer Verschwörung der Juden, ist sich Barry sicher. Auch die Personenkonstellation ist komödientypisch – besonders an Kriminalkomödien wie „Die Olsenbande“ oder „Ladykillers“ schließt „Four Lions“ an, könnte man meinen. Wir haben es mit einem sympathischen Anführer mit Durchblick zu tun, der sich mit vier Vollpfosten herumschlagen muss, „die nicht mal Tee umrühren können, ohne dabei eine Fensterscheibe zu zerschlagen“.
Immer wieder spielt Morris Film, der neben aller Komik auch einen gelungenen Spannungsbogen aufweisen kann, mit unseren Erwartungen. Jeder ist mit dem Thema vertraut und hat ein Bild vom Terror und seinen Verursachern im Kopf. Die Geschichte ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern ist von enormer Aktualität. Terrorgefahr ist da, Terrorangst wird geschürt. Es gehört zum Tagesgeschehen und ist schon längst zum Lieblingsthema der Nachrichtenmedien geworden. Und auch das Kino hat sich dem Terrorthema angenommen, allerdings bisher nur in der Form des Dramas, siehe „Paradise Now“. Da tut es wahnsinnig gut, mal einen anderen Ansatz zu sehen. Und zwar einen, der den Weg über das kathartische Lachen, oder wie die Engländer sagen „comic relief“, wählt. Und wie so oft steckt im Witz auch ein großer Teil Wahrheit. „Four Lions“ lehrt uns etwas über Selbstmordattentäter, über ihr Denken und letztlich auch über uns und unsere Vorurteile.
Es zerreißt einen ... vor Lachen.
Omar: Riz Ahmed
Waj: Kayvan Novak
Faisal: Adeel Akhtar
Barry: Nigel Lindsay
Hassan: Arsher Ali
Regie: Chris Morris | Großbritannien, 2010
Länge: 97 min | FSK: ab 16 | Buch: Chris Morris, Sam Bain, Jesse Armstrong | Kamera: Lol Crawley | Szenenbild: Dick Lunn | Schnitt: Billy Sneddon | Produktion: Mark Herbert

