Forgetting Dad
Handlung
“Nicht mehr als Geschichten in einem Historienbuch“ bedeuten dem Familienvater Richard Minnich seine fünf Kinder und deren Familien. Worte, welche auch für ihn schmerzhaft sind. Nach einem Autounfall im Jahr 1990 hat er sein Gedächtnis verloren. Sein erwachsener Sohn Rick Minnich beginnt einen Dokumentarfilm über Richard zu drehen, der trotz seines Leidens neuen Lebensmut fasst und schließlich von vorne beginnt. Ricks jüngerer Halbbruder Justin hingegen erinnert sich an das veränderte Verhalten seines Vaters mit Verbitterung: „Vielleicht hat er von der ganzen Scheiße gehört, die er gemacht hat, bevor er seine Erinnerung verloren hat, und wollte sich einfach nicht damit herumschlagen.“ Die frustrierten Schuldzuweisungen eines vernachlässigten Kindes?
Hinter den Worten des Halbbruders lauert eine beunruhigende Erkenntnis, welche Rick Minnichs Nachforschungen in eine völlig neue Richtung lenken. Das Bild des scheinbar glücklichen Familienvaters Richard erhält immer mehr Risse, durch die Minnich ein Fremder mit den Gesichtszügen seines Vaters anblickt. Ein Fremder, der selbst entschieden hat, alles Vertraute hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Immer tiefer führt Minnich seine Suche in die Abgründe einer vertraut geglaubten Seele. Was er findet, verändert nicht nur seinen Dokumentarfilm, sondern seine innersten Überzeugungen.
Meinung
„Hör auf, mich Vater zu nennen.“, sagt Richard Minnich Rick, bevor er den Kontakt zu seinem ältesten Kind abbricht. Er sei der neue Richard. Zu welchem Preis er dazu wurde, ist die zentrale Frage von Rick Minnichs und Matt Sweetwoods packender Reportage. Die Antwort darauf liegt gleich Puzzleteilen bei Richards entfremdeten Familienmitgliedern verstreut. Spannend wie ein Thriller dokumentiert Minnich das Zusammenfügen der einzelnen Teile. Richard gibt sich als jemand, der Schreiben neu lernen müsse und verfasst dennoch ausführliche Briefe. In seiner Vergangenheit liegt vieles, für das er sich verantworten müsste: persönlich und strafrechtlich. Kurz bevor die Probleme über ihm zusammenbrechen, kommt es zu einem harmlosen Autounfall. Tage später erwacht Richard mit völliger Amnesie. Eine medizinische Ursache finden die Ärzte nicht. Auf Videoaufnahmen des „neuen“ Richards sucht man wie sein Sohn nach Gesten oder Blicken, einer Bestätigung des sich verhärtenden Verdachts, Richard habe die Amnesie simuliert. Doch das sanfte Lächeln des kindlich wirkenden Mannes bleibt undurchdringlich.
Vielleicht liegt die Wahrheit in einer psychologischen Grauzone. Die sogenannte psychogene Amnesie kann ohne physische Ursachen durch ein seelisches Trauma oder psychischen Stress ausgelöst werden. Betroffene erleben sie meist wie eine neurologisch verursachte Amnesie. Er habe sich in eine Welt zurückziehen wollen, in der er nie erwachsen werden muss, glaubt Richards Schwester. Hat Richards Unterbewusstsein ihm einen heimlichen Wunsch erfüllt und seine Vergangenheit verschlungen? Wird persönliche Schuld gemindert, wenn der Schuldige sich an seine Handlungen nicht erinnert? Jeder ermittelte Fakt wirft neue quälende Fragen auf. Sie ausnahmslos zu beantworten, ist unmöglich, aus dieser Erkenntnis macht „Forgetting Dad“ keinen Hehl. Die meisten Antworten liegen in der Psyche der Protagonisten verborgen. Doch Minnichs sensibler Dokumentarfilm ist mehr als eine Spurensuche. Er zeichnet ein eindringliches Porträt der Auswirkungen, welche eine Amnesie auf die direkt und indirekt Betroffen hat. Er schafft eine Ahnung des beklemmenden Gefühls, wenn die eigenen Eltern einen nicht mehr kennen – womöglich nicht kennen wollen. Der Filmtitel bezieht sich nicht nur auf den vergessenden Vater, sondern das Vergessen der alles dominierenden Figur, zu der Richard für seine nächsten Angehörigen geworden ist.
Ricks Vater wendete sich gegen den Dokumentarfilm, als er dessen zweifelnde Grundhaltung begriff. War der Gedächtnisverlust doch ein perfider Trick? Bedeutender als der spektakuläre Verdacht sind für Rick die emotionalen Auswirkungen des Erlebten, von denen er selbst unmittelbar betroffen ist: „Manchmal war es leichter, sich hinter der Kamera zu verstecken und so zu tun, als sei er eine Filmfigur und nicht mein Vater.“ Eine Antwort auf Minnichs zu Beginn gestellte Frage, wie all die Erinnerungen an ein Leben einfach verschwinden konnten, gibt auch sein Vater nicht, dem der Regisseur schließlich gegenübersteht - womöglich zum letzten Mal. Dass sie dennoch gestellt wurden, nimmt ihnen die beängstigende Übermacht. Über das Vergangene hätten sie immer noch die schönen Filme, sagt Richard seinem Sohn einmal. „Forgetting Dad“ ist einer davon.
Die Unbeständigkeit der Erinnerung.
Regie: Rick Minnich | USA, 2008
Länge: 84 min | FSK: ab 12 | Buch: Rick Minnich, Matt Sweetwood | Kamera: Axel Schneppat | Musik: Ari Benjamin Meyers | Schnitt: Rick Minnich, Matt Sweetwood | Produktion: Olaf Jacobs

