Fish Tank


Handlung

Beide sind Gefangene, die junge Mia und das verwahrloste Pferd, das sie täglich sieht und täglich zu befreien versucht. Wie das angekettete Tier scheint es für die 16-Jährige keinen Ausweg aus der tristen Hochhaussiedlung in einem Vorort von Essex zu geben. Schnell wird das zornige, junge Mädchen wütend, noch schneller lässt sie ihre Wut heraus. Freude findet sie nur in ihren Tanzversuchen, bei denen sie ihre Vorbilder aus Musikvideos nachahmt. Mia und ihre kleine Schwester Tyler sind für ihre Mutter Joanne nur lästig. Erst recht, als sie wiedereinmal einen neuen Typen in die heruntergekommene Wohnung schleppt. Doch Connor ist anders. Mit ein wenig Aufmerksamkeit und freundlichen Worten gewinnt er Tyler für sich. Mia bleibt skeptisch, doch als ihre Bewerbung zu einem Tanzwettbewerb angenommen wird, wagt sie zu hoffen: Auf eine Zukunft jenseits der Wohnsiedlung – mit Connor, für den sie mehr empfindet, als sie wahrhaben will.

Meinung

Das ausgemergelte Pferd, angekettet auf einem Schrottplatz, will Mia befreien. Der neue Freund ihrer Mutter glaubt an ihr Talent und ermutigt sie. Eine Sonderschule will Mia aufnehmen. Unerwartet die Rückmeldung von der Agentur: Mia ist zum Vortanzen eingeladen. Connor wird Mia gegen ihr ablehnende Mutter verteidigen.


Mias romantische Faszination wird sich in dankbare Zuneigung zu einem väterlichen Freund wandeln, sie wird den Tanzwettbewerb gewinnen und bevor sie auf der Internatsschule für eine bessere Zukunft lernt, befreit sie das Pferd, welches glücklich in die Freiheit galoppiert – so glaubt man. Nichts davon geschieht in Andrea Arnolds „Fish Tank“. In ihrem harschen Sozialdrama betrügt die britische Regisseurin das Massenpublikum um ein konventionelles Happy End wie das Leben die Protagonisten um ihr Glück betrügt: Mias Flucht in eine trügerische Freiheit wird nur mehr Kinder zur Folge haben, wie sie die letzten Szenen zeigen, noch mehr Eltern wie Mias Mutter, nicht böse, sondern überfordert von einer Verantwortung, die ungewollt und zu früh kam. Mit dem Herzluftballon über den Hochhausdächern schwebt der letzte Rest Kindheit davon.


Schäbig, ungerecht, echt. „Fish Tank“ ist ein Film ohne eigentlichen Plot. Die losen Handlungsstränge und bruchstückhaften Sequenzen verdichten sich zu einer Studie über Grenzgebiete der Psyche, der Städte und Biografien. Schroff und abweisend wie die junge Hauptfigur tritt Arnolds Inszenierung auf. Anti-Heldin und Drama der britischen Regisseurin sind roh, nicht brutal, sondern ohne die Erziehung und Disziplin, die Connor bei Mia für notwendig hält. Ihr ungeschliffenes Wesen ermöglicht Mia direkten Zugang zu ihren Emotionen. Sie weiß genau, was sie fühlt und warum. Unmittelbar wie ihre Wutausbrüche ist ihre Zärtlichkeit. Darin liegt das Paradox von Mia. Dass ihre Mitmenschen manipulieren, sich und Andere emotional betrügen, ist ihr nur vage bewusst. Um dergleichen zu erkennen, fehlt ihr das Gespür. Unverfeinert bedeutet in „Fish Tank“ auch unverfälscht. Connor hat ein wenig mehr an sozialer Bildung und zwischenmenschlicher Kenntnis ergattert als Mia und ihre junge Mutter. Um beide auszunutzen und mit seiner oberflächlichen Freundlichkeit zu manipulieren, genügt es. Die bittere Lektion von „Fish Tank“ ist, dass diejenigen, welche klarer sehen, ihren Scharfblick nur nutzen, um auf die Anderen anzulegen. Ob sie nicht gerne als Vogel wiedergeboren werden wollten, fragt Connor Mia und ihre Schwester, frei sein und fliegen? Dann würden sie erschossen, wissen die Mädchen. Tschechovs „Die Möwe“ haben sie wohl nicht gelesen; die Erkenntnis der Theatergestalten teilen sie dennoch. Am Ende bleiben nur die Worte des Rap-Songs von Nas:

Life´s a bitch and then you die.

von Lida Bach



Mia: Katie Jarvis
Joanne: Kierston Warening
Tyler: Rebecca Griffith

Connor: Michael Fassbender
Billy: Harry Treadaway

Regie: Andrea Arnold | Großbritannien, 2009

Länge: 124 min | FSK: ab 16 | Buch: Andrea Arnold | Kamera: Robbie Ryan | Szenenbild: Christopher Wyatt | Schnitt: Nicholas Chaudeurge | Produktion: Nick Laws, Kees Kasander