Federicos Kirschen


Handlung

„Kyoto“ soll das Neugeborene heißen. Kein gewöhnlicher Name für ein Kälbchen, doch die Bewohner des nordspanischen Dorfes verwundert der Name nicht, den der kauzige Gemüsebauer Federico für das Tier seiner Tochter Christina auswählt. Hier wachsen „Federicos Kirschen“ im Schatten eines Atomkraftwerks. Seine Namenswahl kündet von seinem Hass auf das Menschen und Natur verseuchende Kernkraftwerk. „Federicos Kirschen“ sind die letzten Früchte, welche die Erde noch hergibt. Der saure Regen lässt alles verkümmern. Täglich geht Christinas Schwiegervater angeln ohne etwas zu fangen. Kälber werden noch geboren, Kinder kaum. Christinas Bruder Mario und seine Frau Tati versuchen vergeblich, ein Kind zu bekommen. Dass radioaktive Verseuchung die Ursache ist, verleugnet Mario vor den Anderen, vor allem aber sich selbst. Wie die meisten Anwohner arbeitet er im Kraftwerk. Der Zufall führt den schottischen Reiseführer-Verfassser Pol Ferguson zu „Federicos Kirschen“. Pol wird zu Federicos Verbündetem im Kampf gegen die Werkbetreiber. Der unermüdliche Protest des alten Bauern scheint dank Pols Hilfe plötzlich nicht mehr so hoffnungslos wie bisher. Trotz der widrigen Umstände beginnt Pol sich in dem Dorf heimisch zu fühlen. Noch mehr als den Ort hat er die einsame Christina ins Herz geschlossen.

Meinung

Mit feinem Humor erzählt der spanische Regisseur José Antonio Quiros in seiner Tragikkomödie „Federicos Kirschen“ vom aussichtslosen Kampf des Individuums gegen die Obrigkeit. Der Preis für die unaufhaltsame Loslösung des Menschen von der Natur ist das Glück, welches schleichend verkümmert wie die Pflanzen unter dem atomaren Gifthauch. Als „Umweltkomödie“ wird „Federicos Kirschen“ beworben, doch jene Bezeichnung verflacht die Vielschichtigkeit des humorvollen Dramas.

Einmal verstummt das Dröhnen des Kraftwerks. Das Aufatmen währt nur kurz. Ein einziger im Bach gefangener Fisch, den Christinas Schwiegervater wie eine Trophäe hoch hält, Wäsche, die im Freien trocknet – die unscheinbaren Dinge zeigen, wie viel die Anwohner aufgeben mussten. Die Macht der wirtschaftspolitischen Instanzen wurde indes nur scheinbar geschwächt. Bizarrerweise ist es ausgerechnet ein neu etabliertes Umweltgesetz, welches den Kontakt von Mensch und Natur endgültig zerreißt. Quiros sucht keinen Schuldigen, sondern wirft einen präzisen Blick auf den tief verzahnten wirtschaftlichen und sozialen Mechanismus, welcher das Kraftwerk am Laufen erhält. „Allmende-Klemme“ heißt das Dilemma, in welchem die Figuren gefangen sind: Der Umstand, zwischen zwei gleichermaßen erstrebenswerten Dingen – gesundheitliche Sicherheit und materielle Sicherheit im Falle der Filmfiguren - wählen zu müssen. Trotz seiner zerstörerischen Wirkung versorgt das Kraftwerk die Menschen: mit Energie und Arbeit. Der Wind dreht sich schnell, als beides weg fällt. Plötzlich weht er Federico von anderer Seite ins Gesicht. Federico ist zu alt und störrisch, um die Aussichtslosigkeit seines Kampfes einzusehen. Doch seine Unermüdlichkeit zeigt der Film als positives Vorbild statt negatives Beispiel. „Cenizas del Cielo“, Asche des Himmels, lautet der spanische Originaltitel. Als tödlicher Dunst geht sie auf die Leben der Ortsbewohner nieder. Ein giftige Wolke hat Federicos Frau eingehüllt, die so schön sang. Nun singt niemand mehr. Stummer Frühling in einem verstummenden Ort. Ihre Unsichtbarkeit macht die latente Bedrohung um so intensiver spürbar.


Pols Reiseführer wird das Monument jener sterbenden Landschaft. Seine malerischen Beschreibungen erträumen sich ein Bild dessen, was sein könnte, gäbe es das Kraftwerk nicht. Bitter, komisch und mit leiser Tragik ist das Ende von „Federicos Kirschen“, in welchem der Hoffnungsschimmer ein Irrlicht bleibt. Die Asche des Himmels wird weiter fallen. Auf „Federicos Kirschen“, das Land und seine Menschen. „And the rain it raineth every day...“


Nicht gut Kirschen essen im Schatten eines Atomkraftwerks.

von Lida Bach



Federico: Celso Bugallo
Pol Ferguson: Gary Piquer
Christina: Clara Segura

Mario: Fran Sariego
Tati: Beatriz Rico

Regie: José Antonio Quiros | Spanien, 2008

Länge: 95 min | FSK: ab 6 | Buch: Dionisio Perez, Ignacio Del Moral | Kamera: Alvaro Gutierrez | Szenenbild: Bernat Puig | Musik: Ramon Prada | Schnitt: Fernando Pardo | Produktion: Loris Omedes