Es kommt der Tag


Handlung

Die junge Alice ist auf dem Weg zu einem kleinen Weingut im Elsass. Ihr angeblich zufälliger Einzug ins Gästezimmer, das Familienvater Jean-Marc ihr vermietet, entpuppt sich als genau geplant. Zu den jugendlichen Kindern Francine und Lukas erfühlt sich Alice einfühlsam Kontakt. Nur die resolute Mutter Judith begegnet Alice mit Argwohn.


Längst weiß man hier, dass Alice Judiths Tochter ist, dass Judith als gesuchte RAF-Terroristin untertauchen musste und Alice Beweise für Judiths kriminelle Vergangenheit mitgebracht hat.


Immer angespannter wird die Atmosphäre auf dem Weingut. Judiths Familie spürt, dass Alice´Auftauchen geplant war. Zwischen ihr und Judith kommt es zur Konfrontation. Für beide Frauen wird die Begegnung zur seelischen Zerreißprobe.

Meinung

"Es kommt der Tag", an dem Regisseurin Schneider alles zu schnell verrät und psychologischen Spannungsaufbau so verhindert. Einzig die hervorragenden Darstellungen, allen voran die bis an die Grenzen der emotionalen Selbstentblößung gehende Charakterstudie Katharina Schüttlers, bewahren den unausgegorenen Film vor der Albernheit. In ihrem Porträt der Tochter einer untergetauchten Terroristin lotet Schüttler jede Gefühlsnuance aus. In der Rolle ihrer Mutter Judith macht Iris Berben es mit intensivem Spiel der Jungdarstellerin nicht leicht, den Film an sich zu reißen. Susanne Schneiders Drama verdient die Leistung Katharina Schüttlers kaum. "Es kommt der Tag" eines bewegenden Mutter-Tochter-Konflikts auf der Leinwand, nicht jedoch der eines überzeugenden Dramas. Anstatt sich auf den emotionalen Krieg und das zaghafte Aufbrechen der verhärteten Fronten zu konzentrieren, flechtet Regisseurin Susanne Schneider in ihr Drehbuch eine überflüssige Kriminalhandlung ein. Die wohlhabende Gutsbesitzerin, die es sich mit Mann und Kindern in der Oberschicht bequem gemacht hat, soll eine untergetauchte RAF-Terroristin sein. Gewöhnliche Kriminalität genügt nicht. Hochbrisant muss Judiths familiäre und politische Vergangenheit sein. Die persönliche Bedeutung der einstigen RAF-Verwicklung für Judith ergründet Schneider nicht, die politische Dimension des Themas ignoriert sie gänzlich. Statt das Konfliktpotential der Filmgestalten auszureizen, schleift "Es kommt der Tag" deren Kanten ab. Alice’ ursprüngliche Absicht ist nicht, wie sie behauptet, Judith zur Selbstanzeige zu bringen, sondern sie ihrer Familie als die verantwortungslose Mutter preiszugeben, für die Judith sie hält. Doch Judiths Verlogenheit und Egoismus will "Es kommt der Tag" nicht thematisieren. Nur im entschlossenen Spiel der Berben scheinen diese Eigenschaften der Filmfigur durch. Judith fühlt keine Reue, weder für ihre elterlichen, noch ihre gesetzlichen Verfehlungen. Mal stellt sie sich als unbedeutende Mittäterin der RAF dar, als dies nicht funktioniert, als mutige Kämpferin für politische Ideale. Ein spießbürgerliches Leben im großen Privatanwesen mit biederem Geburtstagsschmaus war allerdings kaum das Lebensmodell der RAF-Kämpfer.

An ihre bürgerliche Existenz klammert sich Judith eisern. Den Verlust ihres gesellschaftlichen Status fürchtet Judith, nicht den ihrer älteren Tochter. Alice’ Leiden als abgelehntes Kind redet Judith mit erschreckender Gefühlskälte klein. Ihre Tochter bittet sie nicht um Verzeihung, sie fordert Verzeihen von ihr ein. Für seine Ideale müsse man zurückstellen, behauptete Judith gegenüber ihren drei Kindern. Ihr Verlassen der Tochter stellt sie als persönlichen Verzicht dar und fordert von einem Kleinkind, damals Alice, den Verzicht auf die Mutter als gehe es um ein Spielzeug weniger. Geschickt versucht Judith sich von der Täter- in die Opferrolle zu manövrieren. Alice soll die Böse sein, welche mit der Zerstörung Judiths neuer Familie droht. Dabei richtet sich Alice’ Ablehnung, unter der unsicheres Sehnen nach elterlicher Zuwendung spürbar wird, nur gegen Judith. Sie redet Judith vor deren Angehörigen nicht schlecht, sondern konfrontiert ihre Mutter mit der verleugneten Schuld. Diese aufgedeckte Schuld ist nicht die der RAF-Vergangenheit, sondern Judith als Mutter, die ihre Tochter zurück ließ. Die Terroristenvergangenheit ist für Alice der einzige Weg, ihrer Mutter unleugbares Fehlverhalten vorzuwerfen und so eine Auseinandersetzung mit ihr zu erzwingen. "Es kommt der Tag" – jedoch nicht dieser entscheidenden Konfrontation. Dramatisch läuft die Handlung ins Leere, weil sie die Kernfrage des Films ausblendet, in wie weit äußerer Zwang individuelle Schuld relativiert und ob ein Verzeihen möglich ist. Es bleibt das herausragende Spiel Katharina Schüttlers. Der Tag, in dem ihr Talent an ein so oberflächliches Drama verschwendet wird, kommt hoffentlich nie wieder.

Tag des Zorns.

von Lida Bach



Alice: Katharina Schüttler
Judith: Iris Berben
Jean-Marc: Jaques Frantz

Francine: Sophie-Charlotte Kaissling-Dopff
Lukas: Sebastian Urzendowsky

Regie: Susanne Schneider | Deutschland, 2009

Länge: 108 min | FSK: ab 12 | Buch: Susanne Schneider | Kamera: Jens Harant | Schnitt: Jens Klüber | Szenenbild: Olivier Meidinger | Produktion: Sabine Holtgreve, Stefan Schubert, Ralph Schwingel