Eine Karte der Klänge von Tokio
Handlung
Ein doppelte Schlachtplatte wird den Geschäftsleuten in Tokio serviert. Sushi auf einem nackten Frauenleib, andernorts liegen erschossene Anzugträger in ihrem Blut. Angerichtet hat sie beide die junge Ryu. Nachts arbeitet die verschlossene Japanerin auf dem Fischmarkt. Die übrige Zeit ist sie Auftragskillerin. Ihr nächster Klient wird der Geschäftsmann Mr. Nagara, der mächtige Konzernchef, der einer europäischen Delegation zuvor das extravagante Business-Dinner auftischt. Seine professionelle Fassade bringt der Schmerz zum Einsturz, als Nagaras Assistent Ishida ihm vom Selbstmord von dessen Tochter Midori berichtet. Verantwortlich dafür macht Nagara den Spanier David, der Midori in ihrer Liebe enttäuschte. Doch Ryu verfällt dem leidenschaftlichen David, mit dem sie eine neue Welt der Liebe und Lust erschließt. Der stille Begleiter der Killerin, die sich nach Liebe statt Tod sehnt, ist ein alter Tontechniker, der in den Straßen „Eine Karte der Klänge von Tokio“ aufnimmt. Diese Melodie der Großstadt begleitet Ryus langsamen Tanz in den Abgrund.
Meinung
Der Salzgeruch des Meers vermischt sich mit salzigem Arbeiterschweiß, Fischöl mit Maschinenöl. Reinheit und Schmutz, Natur und Technik vermischen sich auf dem Fischmarkt, in dessen Herzen Ryu arbeitet. Ihr zartes Äußeres täuscht über die Kühle hinweg, mit der sie ihre Mordaufträge erledigt. Aber menschliches Blut lässt sich nicht so leicht abwaschen wie das der Fische. Doch Isabel Coixets Geschichte ist nicht die bekannte Mär vom geläuterten Verbrecher. Bitter-süße Zärtlichkeit trägt die feinsinnig komponierten Bildgemälde, mit denen die spanische Regisseurin „Eine Karte der Klänge von Tokio“ unterlegt. Begleitet von traurig-schöner Musik erzählt ihre elegante Komposition aus Thriller, Erotikfilm und Liebesdrama von vergeblicher Zuneigung und dem Schmerz erlittenen Verlusts. Mit der kühlen Präzision, mit der sie die Meerestiere zerteilt, erlegt die professionelle Mörderin ihre Opfer. Das Entsorgen der Abfälle und Fortspülen des Blutes zählt auch zu ihren Aufgaben. In doppelter Hinsicht erledigt Ryu die unangenehme Arbeit für Männer wie Mr. Nagara. Unterschwellig deutet „Eine Karte der Klänge von Tokio“ in subtiler Symbolsprache die unerfüllte Sehnsucht nach zwischenmenschlicher Nähe in einer in Gesten und Maskenhaftigkeit erstarrten Gesellschaft an.
Sensible Frauen wie Ryu und Midori sind die ersten Opfer der emotionalen Kälte, objektiviert und sexualisiert wie das namenlose Modell auf dem Tisch der Geschäftsleute. Einzig der greise Erzähler hat sich wie Ryu sein Gespür für emotionale Nuancen bewahrt, das seine „Karte der Klänge von Tokio“ festhält. Der Preis für diese Sensibilität ist die Flucht in seinen Klangkosmos. Die junge Ryu und er sind verwandte Seelen. Wie Ryu viele Namen hat, bleibt der Tontechniker ohne Namen. In die geheimnisvolle Welt der Klänge ziehen den Zuschauer die aus der Vogelperspektive gefilmten Nachtaufnahmen Tokios. Zum Klangteppich eines Friedhofs erscheint die Metropole als Millionengrab, nach Ryus erster Liebesnacht pulsieren ihre Straßenadern zu einem gewaltigen Herzschlag, rauschhafter als die direkten Erotik-Szenen. Auf die unvereinbaren Gefühlswelten des Liebespaares deutet ihre Abhängigkeit von einer Fremdsprache an. Nur auf Englisch können sich die Japanerin und der Spanier verständigen. Found in Translation.
Die erhoffte Geborgenheit an Davids Seite erweist sich für Ryu als trügerisch. „Alles kann sinnlich sein.“, verrät einer der anspielungsreichen Dialogsätze. David, der ihn äußert, kennt anders als der Erzähler keine Balance zwischen Begehren und Gefühl. David, innerlich so hässlich wie äußerlich, lebt nur im Trieb, dessen Rücksichtslosigkeit nach Midori nun Ryu geopfert wird.
„Die Dinge ändern sich vielleicht. Menschen ändern sich nicht.“, hat Ryu erkannt. Quintessenz dieses Zustands ist das Hotelzimmer, in welchem das Paar sich trifft. Der einem U-Bahn-abteil nachempfundene Raum suggeriert Bewegung und Wandel im Stillstand. Symbol für die Erstarrung der Gefühle, über deren Schweigen die traurige Melodie noch enigmatischer macht.
Liebe ist kälter als der Tod.
Ryu: Rinko Kikuchi
David: Sergi Lopez
Mr. Nagara: Takeo Nakahara
Ishida: Hideo Sakaki
Erzähler: Min Tanaka
Regie: Isabel Coixet | Japan, 2009
Länge: 109 min | FSK: ab 16 | Buch: Isabel Coixet | Kamera: Jean-Claude Larrieu | Schnitt: Irene Blecua | Produktion: Jaume Roures

