Eine Frau ist eine Frau


Handlung

Die dänische Stripteasetänzerin Angela arbeitet in einem zweitklassigen Pariser Lokal. In der Ehe mit dem Buchhändler Émil geht es bergauf und bergab, eben wie bei den meisten Verheirateten. Als Angela Émil mitteilt, dass sie noch am selben Tag ein Kind von ihm gemacht bekommen möchte, ist dieser wenig begeistert von der Idee. Die Drohung seiner Frau, dass sie sich einen anderen Mann dafür suchen würde, nimmt Émil nicht ernst. Der gemeinsame Freund Alfred Lubitsch wäre für diese Aufgabe sofort zu haben. Seit langem hegt er eine Leidenschaft für Angela, was er ihr bei jeder Gelegenheit zu verstehen gibt.


Doch als Angela, gekränkt von der ablehnenden Haltung ihres Mannes, tatsächlich in die Arme von Alfred flüchtet, scheint Émil aus seiner Lethargie zu erwachen und sein Verhalten zu überdenken.


Meinung

„Lights, camera, action!“ Mit diesen Worten beginnt Godards poppig-bunte Komödie „Eine Frau ist eine Frau“. Oder sollte man besser sagen, Tragödie? Vielleicht ein wenig von beidem. Jean-Luc Godard gehört zu den bekanntesten französischen Filmregisseuren der 60er Jahre und machte sich nicht nur mit Filmen wie "Elf Uhr Nachts" und "Alphaville" einen Namen. Besonders ab 1968 fiel Godard durch seine radikale Gesellschaftskritik in seinen Werken auf. Er machte es sich zum Ziel, die als natürlich angenommene Grundwahr-nehmung des Zuschauers in Bezug auf das Genre Film zu zerstören. So lässt er in „Eine Frau ist eine Frau“ völlig unvermittelt Schriftzüge einblenden, so dass man aus der Handlung herausgerissen wird und das visuelle Erlebnis nochmals überdenken muss.

„Eine Frau ist eine Frau“ von 1961 ist als eine Art Hommage an die amerikanischen Musicals zu sehen. Die Handlung ist hier eher Nebensache, was manch einen verwundern mag. Doch in Godards verdrehter Filmwelt funktioniert die Mischung aus Musical und Liebesgeschichte ganz hervorragend, obwohl sie fern jeglicher Realität ist. Godard selbst bezeichnet diese Geschichte als ein „neorealistisches Musical“. Es folgt keinerlei Gesetzen, sondern setzt sich vielmehr aus vielen kleinen Fragmenten zusammen. Godard vermittelt dem Zuschauer immer wieder, dass der Film nicht die Realität wiederspiegelt. Zu Anfang erinnert Angela ihren Émil daran, dass man sich zu Beginn einer Komödie vor dem Publikum verbeugt, was sie sofort in die Tat umsetzen. Häufig blicken die Figuren direkt in die Kamera und beziehen den Zuschauer so in das Geschehen mit ein. Man ist kein stiller Beobachter mehr, sondern Mitwirkender.

„Eine Frau ist eine Frau“ ist Godards erster Farbfilm. Er arbeitet mit einer weitwinkligen Cinemascope-Kamera und wechselt in den Szenen zwischen Rot-, Weiß- und Blautönen. Interessant ist auch die Art und Weise, wie Godard mit der Musikuntermalung umgeht. Die Szenen sind nicht komplett, sondern nur fragmentarisch mit Musik unterlegt. Während Angela in dem Lokal singt, bricht die Musik immer wieder ab, so dass nur noch ihre Stimme zu hören ist. Auch die Dialoge werden mit plötzlichen, nicht mit der jeweiligen Szene in Verbindung zu bringenden Musikeinblendungen durchbrochen. Dieses Verfahren erinnert an die Jump-Cuts aus „Außer Atem“, nur auf tonaler Ebene. Und gelegentlich schaltet Godard jeglichen Sound, auch den Originalton, ab, so dass der Zuschauer in völliger Stille zurückgelassen wird. Neben diesen experimentellen Musikeinwirkungen ist der Film gespickt mit Andeutungen auf andere Filmwerke, wie z.B. Truffauts „Jules und Jim“ oder „Schießen Sie auf den Pianisten“, womit Godard ein weiteres Mal mit dem Finger auf das Medium Film und somit auf die Fiktionalität desselbigen zeigt. Natürlich darf die Literatur in dieser großen Inszenierung nicht fehlen. Neben den eingeblendeten Sätzen und einer Szene, in der das Ehepaar sich nur noch mittels der Wörter auf Bucheinbänden verständigt, spielt Godard schon zu Anfang mit dem Medium Schrift. Die Namen der Hauptdarsteller wechseln sich mit Wörtern zum Handlungsinhalt ab, wie Komödie, Oper, Musical.

Zudem ehrt Godard mit dem Film seine spätere Frau Anna Karina, mit der er von 1961 bis 1967 verheiratet war, und welche die Rolle der Angela spielt. Neben ihr agieren in dieser Dreiecksbeziehung Jean-Paul Belmondo als Alfred, welcher bereits in „Außer Atem“ mit Godard zusammengearbeitet hat, und Jean-Claude Brialy, auch bekannt aus Buñuels "Das Gespenst der Freiheit". Trotz der eher tragischen Dreiecksbeziehung ist der Film als Komödie zu sehen. Wer keine tieferen Aussagen hinter dem Titel sucht, sondern sich einfach nur von einem Film über Filme der nach guter alter MGM Musical Manier Seifenoper artig inszeniert ist, unterhalten lassen möchte, wird von Godards „Eine Frau ist eine Frau“ nicht enttäuscht werden.

Gute-Laune-Komödie für Godard Fans.

von Moana Flamme



Angela: Anna Karina
Émile Récamier: Jean-Claude Brialy

Alfred Lubitsch: Jean-Paul Belmondo

Regie: Jean-Luc Godard | Frankreich, 1961

Länge: 80 min | FSK: ab 16 | Buch: Jean-Luc Godard | Kamera: Raoul Coutard | Schnitt: Agnes Guillemot, Lla Herman | Musik: Michel Legrand | Produktion: Carlo Ponti, Georges de Beauregard