Eine flexible Frau


Handlung

„Ist doch toll, dass du jetzt mal Zeit hast.“, sagt eine Bekannte zu Greta. Die arbeitslose Architektin Anfang vierzig sieht das anders. Den Forderungen der auf Teamfähigkeit und Assimilation setzenden Arbeitswelt kann und will Greta sich nicht beugen, dennoch nimmt sie aus Angst vor dem Verlust ihres sozialen Status eine Call-Center-Stelle an. An die Monotonie der sie intellektuell unterfordernden Tätigkeit kann sich Greta nicht gewöhnen. Jeder Schritt aus einem Vorstellungsbüro, einer Jobberatung oder Kurzzeittätigkeit ist ein Schritt ins soziale Abseits.


Ihre Angst vor dem Versagen und ihre Frustration betäubt Greta mit Alkohol. Innerlich aber weiß sie längst, dass sie ins berufliche Aus driftet.


Meinung

„Eine Zynikerin“, nennt eine Bewerbungshelferin Greta abgeklärt. Das ist die Hauptfigur von Tatjana Turanskiys scharfsinnigem Kinodebüt. Der Filmtitel könnte eine ihrer bitter-höhnischen Bemerkungen sein, eine selbstironische Charakterisierung ihrer selbst. Messerscharf sind Gretas Scherze, zu schneidend für einige Zuhörer vor der Leinwand. Es hat einen ironischen Reiz, dass „Eine flexible Frau“ sogar beim Kinopublikum aneckt, denn ihr unerbittlicher Spott richtet sich niemals gegen Andere, nur gegen das Unabänderliche. Unabänderlich ist auch die Arbeitslose selbst. Nicht zu verbiegen, nicht willens, sich zu verleugnen. Ihre trotzige Selbstbehauptung muss auf einem Arbeitsmarkt, der Anpassung als höchsten Wert hochhält, zum beruflichen Scheitern führen. 'Beruflich' ist für die Architektin gleichbedeutend mit 'persönlich'. Einkommen und Erfolg sind Voraussetzungen für Sozialprestige. Am Sozialprestige wird der menschliche Wert bemessen. Das Individuum wird definiert durch seine Arbeit. Die Messlatte richtet sich nicht nach ideellem Wert, sondern Nimbus. Der ist untrennbar mit der Höhe der Einkünfte verknüpft. Wer sich sozial rentiert, kann sich in Sicherheit wiegen. Nicht nur materiell, sondern statistisch, wenn er in ein Privatvillenviertel zieht, wie es Greta besucht.

Die ganze Kraft des Films liegt in der aktuellen Thematik und den pointierten Dialogen, die eine Gesellschaft enthüllen, in welcher sich Emanzipation in konservativen Antifeminismus verkehrt hat. Gretas Freundinnen begreifen ihr Verlangen nach Arbeit nicht. Die Rolle der vom Ehemann abhängigen Mutter und Hausfrau ziehen sie Selbstständigkeit vor. „Diese Schnullibulli-Welt, diese heile Mutti-Welt, die Zuverdienerinnen-Welt“ ist Greta zuwider. Die größte Angst bleibt ihr so erspart: Die Angst, unangepasst zu sein. Für ihr als aufmüpfig empfundenes Verhalten wird die Architektin oberlehrerhaft behandelt. Die Lehrerin ihres Sohnes setzt Greta wortwörtlich auf die Schulbank, beim Coaching heißt es: „Als Hausaufgabe definieren Sie ihre Ziele. Konkret.“ Doch Gretas Problem ist nicht Mangel an, sondern die Unerreichbarkeit ihrer Ziele. Wer scheitert, ist selbst schuld, einer der drei Prozent, von denen eine Berufsberaterin sagt, dass sie trotz ihrer „Erfolgsquote von 97 Prozent“ versagen.

Mit dem gleichen Scharfblick wie ihre unkonventionelle Heldin erkennt Turanskiy die perfiden Mechanismen der Berufswelt und die verkappte Rigidität sozialer Strukturen. „Dem Leitfaden folgen – präzise und auf die Situation eingespielt.“, wie es die Chefin des Call-Centers fordert, ist die entscheidende Fähigkeit, welche Greta fehlt. Originalität, Kreativität, Persönlichkeit sind nicht gefragt in der modernen Berufswelt. Man selbst sein soll man nach Feierabend oder heimlich. Dann genehmigt sich die Grundschullehrerin drei Schnäpse auf ex und die Sozialarbeiterin Wodka aus der Thermosflasche. Beide führen Greta das Leben vor Augen, vor dem sie unbewusst flieht, wenn sie fast absichtlich zu scheitern scheint. Bis sie betrunken im Berliner Restaurant „Entrecôte“ steht, das so beliebt ist für lockere Geschäftsessen. Eines davon sprengt Greta mit der authentischen Direktheit, welche „Eine flexible Frau“ - Film und Hauptfigur - trotz ihrer gelegentlichen Schäbigkeit, ihrer Rauheit und Unausgeglichenheit sympathisch und lebensecht macht.

“Ich habe doch nur gesagt, dass ich Architektin bin, dass ich meinen Job verloren habe und dass heute mein Geburtstag ist. Was ist denn daran so schlimm?“

Zynisch auf den Punkt gebracht.

von Lida Bach



Greta: Mira Partecke
Call-Center-Chefin: Laura Tonke
Fee, Sekretärin: Andina Weiler

Sven, Tänzer: Sven Seeger
Marlene: Michaela Benn

Regie: Tatjana Turanskyi | Deutschland, 2010

Länge: 97 min | FSK: ab 12 | Buch: Tatjana Turanskiy | Kamera: Jenny Barth | Kostüme: Ingken Benesch | Musik: Niels Lorenz | Schnitt: Ricarda Zinke | Produktion: Tatjana Turanskyi