Eine Familie


Handlung

New York, New York. Für Ditte geht ein Traum in Erfüllung, als ihr die Leitung einer New Yorker Kunstgalerie übertragen wird. Ihr Vater Richard, der sich gerade von einer schweren Krebs-erkrankung erholt hat, sieht ihre Pläne skeptisch. Für den Besitzer der dänischen Hofbäckerei steht das Familien-unternehmen im Mittelpunkt. Kurz bevor Ditte mit ihrem Freund Peter nach Amerika reisen will, wird bei Richard Gehirnkrebs diagnostiziert. Von seiner weit jüngeren zweiten Ehefrau Sanne erwartet der Todkranke, dass sie ihn pflegt. Ditte soll die Bäckerei weiterführen. Hin und her gerissen zwischen den eigenen Zielen und den Wünschen ihres Vaters, beginnt Ditte an ihrer Lebensplanung zu zweifeln.

Meinung

Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen legt in ihrem Drama „En Familie – Eine Familie“ die patriarchalischen Machtstrukturen in einer äußerlich modern erscheinenden Familie auf. Während Vater Richard selbst ein Höchstmaß an Empathie von seinen Familienmitgliedern einfordert, ist er selbst zu Mitgefühl unfähig. Den Wert der Anderen misst er daran, wie viel sie für sein Wohlergehen tun. Sie habe ihn ein Jahr lang gepflegt, sagt er über Sanne: „Das nenne ich eine Ehefrau.“ Und nur, wer ebenso handelt, ist eine gute Tochter. „Dein Vater liebt dich trotzdem.“, sagt Dittes Mutter, als diese mit der Aufgabe ihrer Pläne zögert. Treffender wäre: Dein Vater liebt dich trotzdem nicht. Ditte versucht, die Zuneigung ihres Vaters zu gewinnen, indem sie ihm ihre Lebensziele opfert. Ihre Mutter hingegen scheint zu wissen, dass Ditte keine Dankbarkeit zuteil wird. Richard betrachtet die Selbstaufgabe seiner Tochter als selbstverständlich. „Mein Haus! Meine Bäckerei! Mein Geld!“, schreit er Sanne in einer Szene an. Er definiert sich über seinen Besitz und die männliche Familientradition, den Betrieb vom Vater an den Sohn zu vererben. Dass er die Tradition nicht fortsetzen kann, weil sein einziger Sohn ein Kind ist, sorgt Richard mehr als die zerstörten Lebenspläne Dittes. In seinem Egoismus fordert er von seiner ältesten Tochter nicht nur den Verzicht auf die einmalige Karriereoption. Ihr ganzes Leben soll sie seinen Zielen unterstellen, indem sie dauerhaft die Familienbäckerei weiterführt.

Als Patriarch betrachtet Richard sich als Oberhaupt der außer seinem Sohn rein weiblichen Verwandtschaft. „Du bist die einzige Frau, die er je respektiert hat.“, sagt Dittes Mutter der Tochter. Die leibliche Mutter der älteren Schwestern taucht nur als Stimme aus dem Telefon auf. In Richards neuer Familie hat sie keinen Platz. Ihre Abwesenheit und die Distanz zwischen Kindern und Vater deutet an, dass Richards herrisches Verhalten keine Folge seiner neurologischen Erkrankung ist. Die Wutanfälle, in denen er seine Kinder schlägt und Sanne terrorisiert, sind Teil seiner Persönlichkeit. „Bagels habe ich nie verstanden.“, bemerkt Richard abfällig, als Ditte ihm von ihren New-York-Plänen erzählt. Von den tödlichen Methastasen, die der scheinbar besiegte Krebs gebildet hat, ahnen Vater und Tochter da noch nichts. Doch Richards Worte sind bezeichnend für sein Unverständnis gegenüber den Lebensentwürfen Anderer. „Donuts – was für eine armselige Entschuldigung für Feingebäck!“, fügt er hinzu und lässt Ditte unterschwellig wissen, eine Gallerie sei eine armselige Entschuldigung für eine Bäckerei. Dass andere Menschen andere Prioritäten haben, ist ihm unbegreiflich. Richards Kommentar verrät seine Intoleranz gegenüber Alternativen zu dem von ihm präferierten Weg. Bagels gehen auf eine Jahrhunderte alte Zubereitungstradition zurück, doch kein Produkt könnte besser als die des Familienbetriebs sein. Selbst auf seiner Beerdigung soll Ditte von Brot sprechen.

Die anhaltende Passivität der Hauptfigur macht „En Familie - Eine Familie“ frustrierend. Christensen kritisiert Dittes bis zur Selbstverleugnung gehende Unterordnung nicht, sondern stellt sie als normalen Gehorsam dar. Unterschwellig bestärkt der dänische Berlinale-Beitrag die Vorstellung widerspruchslos zu akzeptierender Autorität: von Eltern gegenüber Kindern, Männern gegenüber Frauen und der Gemeinschaft gegenüber dem Individuum. Die überzeugenden Darsteller, insbesondere Jesper Christensen und Lene Maria Christensen, kämpfen vergeblich gegen die schwache Dramaturgie und reaktionäre Grundeinstellung des schleppenden Dramas.

Wer nie sein Brot mit Tränen aß.

von Lida Bach



Ditte: Lene Maria Christensen
Richard: Jesper Christensen

Peter: Pilou Asbaek
Sanne: Anne Louise Hassing

Regie: Pernille Fischer Christensen | Dänemark, 2010

Länge: 100 min | FSK: ab 12 | Buch: Kim Fupz Aakeson, Pernille Fischer Christensen | Kamera: Jakob Ihre | Musik: Sebastian Oberg | Schnitt: Janus Billeskov Jansen | Produktion: Sisse Graum Jorgensen, Vinca Wiedermann