Ein Prophet
Handlung
„Du musst die Zeit hier drinnen nutzen.“, sagt Malik seinem Mitgefangenen Reyeb. Sekunden später bringt Malik ihn um. Er nutzt seine Zeit im Gefängnis. Der Mord an Reyeb lässt ihn eine Stufe höher in der Hierarchie unter den Häftlingen aufsteigen. Malik sitzt wegen einer Schlägerei mit Polizisten. Ein Kleinkrimineller ohne Verbindungen, Geld oder einflussreiche Gefährten. Die Anderen erkennen einen Außenseiter, wenn sie ihn sehen. Schnell lassen sie Malik spüren, dass seine sechs Jahre Haft die Hölle sein werden. Zuerst kennt Malik niemanden, will niemanden kennen. Überleben kann er so im Knast nicht, das wird nicht nur ihm klar. Der gealterte Mafia-Pate Cesar zwingt Malik, den arabischstämmigen Reyeb für ihn zu ermorden. Cesar und Malik sind aufeinander angewiesen: Malik ist der einzige arabisch sprechende Gefangene im Zellenblock Reyebs, auf den Cesar Einfluss nehmen kann. Doch Malik ist nicht in der Position, Forderungen zu stellen. Auch später nicht, als er unentbehrlich für Cesar wird. Die Anderen behandeln ihn weiterhin wie einen Handlanger, der Botengänge verrichtet und ihnen Kaffee kocht.
Er gliedere sich wieder ein, erklärt Malik allen. Im Gefängnis bildet er sich und arbeitet an seiner Karriere. Einer kriminellen Karriere, die er immer unerbittlicher verfolgt.
Meinung
„Ein Prophet“ zeigt die bizarre Laufbahn eines Self-Made-Man. Jaques Audiards in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnetes Drama erzählt von seelischer Verrohung innerhalb eines korrumpierenden rechtsstaatlichen Systems. Bis zu der Tat steht der neunzehnjährige Malik ganz unten in der Hackordnung. Schneidet er sich bei der Vorbereitung des Mordes versehentlich mit der Tatwaffe, nimmt dies die einschneidende Wirkung des Erlebnisses auf seine Psyche vorweg. Seelisch und physisch blutet er, noch bevor es sein Opfer tut. Nach dem letzten Verbrechen zeigt Audiard seinen Charakter lächelnd. Das an ihm klebende Blut gehört den Opfern, ihn kann nichts mehr verletzen. Das Hallen der Schüsse hat sein Gehör betäubt, Metapher für Maliks abgestumpftes Fühlen. Konträr zu seiner emotionalen Verrohung verfeinert sich Maliks Äußeres. „Du siehst aus wie ein Anwalt.“, sagt ihm ein Komplize, der ihn zu einem wichtigen Coup fährt.
Die Außenwelt ist in „Ein Prophet“ nur ein Nebenschauplatz. Jaques Audiards authentisches Drama beginnt und endet an den Mauern der Strafanstalt. Auch draußen wird Malik sich nach der Haft behaupten. Davor war er nur ein Entwurzelter, ein Außenseiter. Seine Familie kennt er nicht, keine der verfeindeten Knast-Gemeinschaften will ihn aufnehmen. Die franko-italienischen Mafia-Angehörigen verachten den korsischen Jugendlichen auf Grund seiner arabischen Abstammung. Für die Araber ist Malik „der Korse“, Dienstbote der feindlichen Italiener. Spielt er schließlich beide Seiten gegeneinander aus, wirkt dies als Konsequenz der Ablehnung, welche sie ihn unablässig haben spüren lassen. Auf sich gestellt zu sein, ist Malik gewohnt. Dies macht ihn seinen Mithäftlingen überlegen, die einer nach dem anderen den Falschen vertrauen. Der Erste, der dies zu spät erkennen muss, ist Reyeb. Als letzter lernt es Cesar, der schließlich besiegt vor Malik davon schleicht. Wie alle hat er dessen Intelligenz unterschätzt. Bei Haftantritt ist Malik Analphabet. Der Gefängnisaufenthalt bildet ihn, doch sein Wissen kann Malik auf Grund seiner Lage nur für kriminelle Zwecke nutzen. Aus dem „unorganisierten“ Kleinganoven wird eine Größe des organisierten Verbrechens. Mit kritischen Scharfblick zeigt „Ein Prophet“ das Gefängnis als pervertierte Maschinerie, welche ihre zukünftigen Insassen selbst produziert. Kriminelle und rechtsstaatliche Strukturen sind zu einem untrennbaren Geflecht verwachsen.
Reyeb erscheint Malik in dessen schlaflosen Nächten. Heiliger, Albtraum, Produkt einer überlasteten Psyche? Die Erscheinungsszenen schwächen die Eindringlichkeit der Handlung durch ihre Unbestimmtheit. Sind die Flammen auf Reyeb heiliges Feuer, Purgatorium oder Zeichen seiner Verdammnis? Vielleicht ist Reyeb „Der Prophet“ des Filmtitels, wenn er mit seinem Rat an Malik den eigenen Tod besiegelt. Vielleicht ist es Malik, dem einmal die Prophezeiung eines Zufalls das Leben rettet. Vielleicht aber gibt es auch keine Propheten in Audiards verstörendem Werk, nur das Drama selbst als „Prophet“ kommender Gewalt.
Verbrecher aus verlorener Ehre.
Malik: Taher Rahim
Reyeb: Hichem Yacoubi
Cesar: Niels Arestrup
Ryad: Adel Bencherif
Regie: Jaques Audiard | Frankreich, 2009
Länge: 155 min | FSK: ab 16 | Buch: Thomas Bidegain, Jaques Audiard | Kamera: Stephané Fontaine | Szenenbild: Brigitte Taillandier | Musik: Alexandre Desplat | Schnitt: Juliette Welfing | Produktion: Martine Casinelli

