Dieses obskure Objekt der Begierde


Handlung

Nachdem seine Mitreisenden im Zugabteil mitbekommen haben, wie Mathieu der schönen jungen Conchita einen Kübel Wasser über den Kopf geschüttet hat, wollen sie mehr wissen. In Rückblenden verfolgt der Film das Hin und Her der Affäre, bei dem Mathieu die 19-jährige Conchita immer wilder begehrt, während sie ihm zwar immer wieder ihre Liebe gesteht, ihm nach und nach auch immer näher kommt, sich ihm aber niemals ganz hingibt. So wie das Machtspiel zwischen den beiden immer unerbittlicher wird, so verschärft sich auch das politische Klima, das den Hintergrund für die Handlung bildet: Die Affäre wird begleitet von terroristischen Anschlägen, die die selbstzerstörerische Beziehung der beiden zu spiegeln scheinen.

Meinung

Basierend auf dem Roman "La femme et la pantin" von Pierre Louys, den schon Josef von Sternberg 1935 als "The Devil is a Woman" mit Marlene Dietrich und Jules Duvivier 1959 mit Brigitte Bardot unter dem Originaltitel verfilmt hatte, erzählt Luis Buñuel in seinem allerletzten Film "Dieses obskure Objekt der Begierde" die Geschichte des wohlhabenden Mathieu, der der 19-jährigen Conchita verfällt. Auch in seinem letzten Film widmet sich Buñuel einmal mehr der Erforschung der sexuellen Gelüste und der Machtspiele zwischen Mann und Frau. Conchita treibt ein Vexierspiel mit Mathieu, bei dem man auch als Zuschauer immer wieder seine Meinung ändert, ob sie denn nun die gute reine Schöne ist, die der geile alte Bock ins Bett kriegen will, oder ob sie ihn mithilfe ihrer körperlichen Reizen nur hinterhältig ausnützt.

So ist es denn auch konsequent, dass Buñuel die weibliche Hauptrolle mit zwei Schauspielerinnen besetzt, die sich immer wieder abwechseln, ohne dass das innerhalb des Films von einer der Figuren bemerkt, geschweige denn thematisiert wird. Anders als etwa Kieslowski es in "La double vie de Veronique" gemacht hat, wird hier nicht ein Rätsel durch die Doppelbesetzung aufgegeben, sondern es wird die Doppelbödigkeit der Figur betont – ein sehr seltener Fall in der Filmgeschichte, der sich auch in Todd Haynes' Dylan-Film "I'm not there" als äußerst interessant erwies, wenngleich dort die Rollen relativ klar getrennt sind, um verschiedene Stadien von Dylans Karriere zu trennen. Buñuel dagegen tut "ganz unschuldig", als würde es nur die eine Conchita geben. Dabei soll die Idee zur Doppelbesetzung angeblich aus der Not entstanden sein. Nach drei Drehtagen soll Buñuel einen so heftigen Streit mit Maria Schneider gehabt haben, die eigentlich die Rolle der Conchita übernehmen sollte, dass der Dreh abgebrochen wurde und Produzent Serge Silberman dabei war, das Projekt ganz und gar zu kippen. In seiner Autobiographie "Mein letzter Seufzer" schreibt Buñuel, dass er zusammen mit Silberman seine Probleme in einer Bar wegtrinken wollte, als er ihm im Scherz vorschlug, die Hauptrolle mit zwei Schauspielerinnen zu besetzen. Silberman nahm den Witz jedoch ernst und der Film war gerettet.

Während Carole Bouquet eher die kühle Schöne und Angela Molina die rassige spanische Tänzerin gibt, so ist beiden doch gemeinsam, dass sie sich nur nach Liebe sehnen, so sehr, wie sich Mathieu den Koitus wünscht. Die Beziehung wird zu einem Machtspiel, bei dem für den Anderen keinen Platz mehr ist. Buñuel verweist dabei immer wieder auf die Analogie zum (welt-)politischen Klima der 70er Jahre, bei dem immer mehr und immer obskurere terroristische Gruppierungen mit Anschlägen in die Öffentlichkeit dringen. Diese Analogie wird dabei über den ganzen Film nie plakativ gemacht; das Private und das Öffentliche spiegeln sich ineinander, ohne dass man daraus eindeutige Schlüsse ziehen könnte.


Am Ende scheinen sich Mathieu und Conchita doch zu finden. Doch als sie durch ein Schaufenster einer Näherin dabei zu sehen, wie sie an einem blutbefleckten weißen Brautkleid näht, da sagt Mathieu etwas zu Conchita, das man als Zuschauer nicht versteht. Er wendet sich ab, sie blickt ihm mit hinterhältigem Blick hinterher, und eine Explosion lässt das ganze Bild in Feuer und Rauch aufgehen. Das ist das letzte Bild des Films, und es ist das Bild, mit dem sich Buñuel von der Welt verabschiedet hat.


Ein krachender Abschied.

von Logolt



Mathieu: Fernando Rey
Conchita: Carole Bouquet

Conchita: Ángela Molina
Richter: Julien Bertheau

Regie: Luis Buñuel | Frankreich, Spanien, 1977

Länge: 102 min | FSK: ab 16 | Buch: Luis Buñuel, Jean-Claude Carrière | Kamera: Edmond Richard | Szenenbild: Pierre Guffroy | Schnitt: Hélène Plemiannikov | Produktion: Serge Silberman