Die zwei Leben des Daniel Shore
Handlung
Durch den Türspion sieht Daniel sie auf dem dunklen Flur stehen. Die Nachbarn lauschen, starren und reden. Ihre Worte sind unverständlich, vielleicht betreffen sie Daniel. Nachdem er in Tanger den Tod des Sohnes seiner Urlaubsbekanntschaft Imane miterlebte, ist der Student Daniel Shore in Deutschland in die Wohnung seiner verstorbenen Großmutter gezogen. Daniel ist der neue Eigentümer des heruntergekommenen Mietshauses mit den undurchsichtigen Bewohnern. Die junge Nachbarin Elli zieht Daniel mit ihrer herrischen Direktheit an. Was hat der verklemmt wirkende Herr Feige mit dem angeblich unehelichen Nachbarssohn Martin zu tun? Elli wird zudringlicher und die Hausverwalterin hofft, Daniel würde das Erbe seiner Großmutter antreten. Etwas führen die anderen Mieter im Schilde hinter verschlossenen Türen, in Wohnungen, welche er nie betreten kann. Dafür dringen die Nachbarn bei ihm ein.
Meinung
Wie eine Neuverfilmung von Roman Polanskis „Der Mieter“ wirkt „Die zwei Leben des Daniel Shore“. Im Spielfilmdebüt des Oscar-nominierten Kurzfilmregisseurs Michael Dreher durchwandert Nikolai Kinski die dunklen Gedanken-Gänge eines alten Hauses, Allegorie eines Zwischenreichs von Gegenwart und Vergangenheit. Ein morbider Zwang lässt Daniel die Einrichtung der Toten beibehalten, als fürchte er, die mausoleenhafte Schattenwelt zu verlassen. Die geisterhaften Hausbewohner verschmelzen mit den Gespenstern aus Daniels Vergangenheit. Penetrant, mit höflichen Lächeln, drängen sie in die Räume der Wohnung in eines der „Zwei Leben des Daniel Shore“. Es scheint, als wollten die Toten nicht ruhen. Wie Akteure eines Bühnenstücks lässt Regisseur Dreher die Protagonisten aus ihren Wohnungstüren auf den Hausflur treten. Sinnbildlich verwehren die Anderen Daniel mittels der Wohnungstüren den Zugang zu ihrer Privatsphäre. Daniels Privatraum hingegen schwindet in beunruhigendem Maße. Immer zudringlicher werden die Nachbarn gegenüber Daniel, der wie in einer Sackgasse in der Totenwohnung gefangen sitzt. Das Haus fungiert in Drehers psychologischem Thriller als geschlossener Raum, aus dem es keinen Ausweg gibt.
Eine Außenwelt existiert nur in Daniels Erinnerung an Tanger. In dem für Daniels Psyche stehenden Flurlabyrinth nimmt Dreher seinen Hauptcharakter und Zuschauer gefangen. Den Sog dieses Thrillers durchbricht der Film mit einer eingestreuten Dramenhandlung, welche die Ereignisse mehr konterkariert denn ergänzt. Diese zweite Handlung ist eigentlich die Erste. Vor Daniels Einzug in das Mietshaus beginnt sie mit dem verstörenden Bild eines toten Kindes, einem der stärksten Bilder des Films. Imanes Sohn liegt in einer Blutlache unter einem Balkon, ein Unfall, an dem Daniel womöglich Mitschuld trägt. Zu spät entscheidet Dreher, dass alles ganz anders gewesen sein soll. Daniels latenten Schuldkomplex ergründet Dreher nicht.
Er will ihn auslöschen, indem Daniel sich mit einer Tat reinwaschen lässt, welche ihn tatsächlich noch mehr befleckt. Unmittelbar nach diesem Höhepunkt, auf welchen die Handlung zusteuert, bricht sie ganz ab.
Wenn überhaupt, geht es jedoch um die gefühlte Schuld Daniels. Das Vorher und Nachher sind „Die zwei Leben des Daniel Shore“ des Titels. In der Wohnung seiner verstorbenen Großmutter wird Daniels psychische Beschäftigung mit dem Tod erdrückend. Die Zeit steht still in den unveränderten Räumen, ein Stillstand, der sich auf Daniel überträgt. Mit seinem Studium kommt er nicht voran, stattdessen soll er das Leben einer toten Alten weiterführen.
Innerhalb des Ensembles und der Filmhandlung zeigt Katharina Schüttler die stärkste Präsenz. Als fordernd-egozentrische Nachbarin wird sie zunehmend zur Bedrohung für Daniels Psyche. Schüttler spielt ihren Part mit der ihr eigenen Wut, doch es ist wieder eine dieser typischen wütenden Schüttler-Rollen. Das Gefühl der Übersättigung, des Wiederholten, verstärkt Dreher weiter, in dem er sie eine solche Rolle spielen lässt. Unbefriedigt lässt „Die zwei Leben des Daniel Shore“ den Zuschauer mit zwei viel versprechenden, visuell bestechend inszenierten Aktionssträngen zurück. Fast verzweifelt bemüht sich Dreher, beide zu einem roten Faden zu verknüpfen. Leider misslingt es ihm, so wie es misslingt, Tanger und das Mietshaus wirkungsvoll als Kontrastwelten gegeneinander ab zu setzen. Drehers inszenatorisch eindrucksvolles Debüt verhallt als Echo des herausragenden Thrillers, welcher der Film hätte sein können. Das Wohnhaus als Allegorie eines psychischen Labyrinths hat lange vor Dreher ein anderer „Mieter“ geschickter erkundet.
In einem Totenhaus.
Daniel Shore: Nikolai Kinski
Imane: Morjana Alaoui
Elli: Katharina Schüttler
Herr Feige: Matthias Matschke
Martin: Lukas Mückenfuss
Regie: Michael Dreher | Deutschland, 2009
Länge: 95 min | FSK: ab 12 | Buch: Michael Dreher | Kamera: Ian Blumers | Szenenbild: Anne Schlaich | Musik: Lorenz Dangel | Schnitt: Wolfgang Weigl | Produktion: Stefan Sporbert, Wasiliki Bleser

