Die Welle
Handlung
Lehrer Rainer Wenger ist sauer. Sein Kollege hat ihm für die Projektwoche das Thema "Anarchie" weggeschnappt, dabei hätte er doch als ehemaliger Hausbesetzer viel dazu erzählen können. Für ihn bleibt das Thema "Autokratie", Herrschaft eines Einzelnen oder einiger Wenige über die Masse. Um den Unterricht aufzupeppen, startet er mit seinen Schülern ein Experiment: Er führt Disziplin in den Unterricht ein, einen eigenen Namen, ein Logo und einen Gruß für ihre Gruppe, die sich von nun an "Die Welle" nennt und immer mehr Sympathisanten findet. Doch nach gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Welle- und Nicht-Welle-Mitgliedern versucht Lehrer Rainer das Projekt abzubrechen, doch das hat sich inzwischen verselbstständigt.
Auf einem geheimen Welle-Treffen aller Mitglieder will Lehrer Rainer seinen Schülern vor Augen führen, wie diese sich von ihm haben beeinflussen und manipulieren lassen und er lässt das Projekt platzen. Doch ein Schüler kann das nicht akzeptieren und bedroht die Versammelten mit einer Gaspistole.
Meinung
Der Film "Die Welle" ist an das Experiment von Ron Jones aus dem Jahre 1967 angelehnt, das in Kalifornien durchgeführt wurde. Auch dort sprangen die Schüler überraschend gewillt auf autoritäres Verhalten an. Den Weg zu so einem unkritischen Verhalten versucht der Film, ganz bewusst im heutigen Deutschland spielend, aufzuzeigen. Dazu hat Drehbuchautor und Regisseur Dennis Gansel gute Dialoge und Situationen geschaffen, welche glaubwürdig und stimmig sind. Die Charaketere sind sehr genau gezeichnet, jede Figur mit speziellen, passenden Eigenheiten, die durch den überzeugenden Jürgen Vogel als Lehrer Rainer und den anderen guten Jungdarstellern glaubhaft zum Leben erweckt werden.
Das Milieu der bürgerlichen Mittelschicht wurde ebenfalls mit genauem Blick für Details eingefangen. Die Behauptung allerdings, dass diese Mittelschicht-Jugendlichen entweder keinen Halt oder Liebe im Elternhaus bekommen oder nichts haben, woran sie glauben und mit dem sie sich identifizieren können, viele von ihnen keine echten Ziele besäßen oder sich den ganzen Tag nur langweilen würden, wirkt doch etwas zu verallgemeinernd und aus der Klischee-Kiste gegriffen, man spürt förmlich den erhobenen Zeigefinger. Das Projekt "Die Welle" gibt den Schülern ein Zusammengehörigkeitsgefühl, erfüllt die Sehnsucht nach Rückhalt in einer Gruppe, und bei gemeinsamen Partys und Wettkämpfen glauben wir den Charakteren, dass sie "Die Welle" als etwas schönes für sich entdeckt haben. Wenn der Film uns allerdings glauben machen will, dass das Tragen von weißen Hemden oder ein Gruß durch eine wellenförmige Handbewgung unter Jugendlichen als besonders cool gelten würde, ist man als Zuschauer bereits im Zweifel. Und so ist eine Verwandlung von aufgeklärten Gymnasialschülern zu kleinen Faschisten innerhalb einer Woche doch recht unglaubwürdig, denn der Film schafft es leider nicht, diese Verwandlung so zu erzählen, das sie nachvollziehbar wäre.
Auch der fanatische Schüler, der, als er seinen Traum und Lebensinhalt "Die Welle" zusammenbrechen sieht, die gesamten Anhänger mit einer Gaspistole bedroht, einen Schüler und dann sich selbst erschießt, ist arg überzeichnet. Schon seine Gesten während des Films, wo er seine gesamten Markenklamotten verbrennt oder für Lehrer Rainer den Leibwächter spielen möchte, lassen uns im Hintergrund ein konstruiertes Drehbuch spüren. Und obwohl die Logik der Geschichte schwächelt, regt das Thema selbst zum Nachdenken und zu Diskussionen an. Abgesehen von diesen Schwächen ist der Film perfekt und spannend inszeniert und versteht uns als Zuschauer zu fesseln.
Krasses Projekt zur NS-Vergangenheit.
Zur nächsten Filmkritik: Sleepers
Rainer Wenger: Jürgen Vogel
Tim: Frederick Lau
Marco: Max Riemelt
Karo: Jennifer Ulrich
Anke Wenger: Christiane Paul
Regie: Dennis Gansel | Deutschland, 2008
Länge: 100 min | FSK: ab 12 | Buch: Dennis Gansel, Peter Thorwarth | Kamera: Torsten Breuer | Ton: Patrick Veigel | Szenenbild: Knut Loewe | Schnitt: Ueli Christen | Musik: Heiko Maile | Produktion: Rat Pack Filmproduktion
