Die Stunde des Wolfs


Handlung

Die "Stunde des Wolfs" ist die Zeit in der Nacht zwischen Mitternacht und Morgengrauen, in der die meisten Menschen sterben und Geister und Dämonen am mächtigsten sind, heißt es. In dieser Stunde verschwand der Künstler Johan Borg eines Nachts spurlos. Seine Frau Alma versucht mit ihrem Bericht und Johans Tagebuch den Fall für ein Dokumentarfilmteam zu rekonstruieren: Das Paar lebt auf der friesischen Insel Baltrum. Nachts kann Johan nicht schlafen. Er wird von unheimlichen Gestalten in seinen Träumen heimgesucht, die immer mehr in sein Leben eindringen. Er zeichnet sie und zeigt die Bilder seiner Frau, die mit ihm gemeinsam wacht, um den Alpträumen zu entkommen. Die Psychose hat Auswirkungen auf sein soziales Umfeld und besonders auf Alma, die ebenfalls merkwürdige Begegnungen hat. Das Nachtmahrpersonal scheint die Insel zu bevölkern. Die Herrschaften feiern Feste in einem abgelegenen Schloss, zu denen sie Alma und Johan einladen. Es tun sich Abgründe auf: Als Alma von Johans „Leichen im Keller“ erfährt, gibt es auch einen Riss in der Beziehung des Paares.


Johans letzter Gang ins Schloss bedeutet schließlich sein Untergang.


Meinung

Wenn man „Die Stunde des Wolfs“ einer literarischen Gattung zuordnen müsste, würde sich die der Novelle anbieten: Man hat eine Rahmenhandlung, es wird eine „unerhörte Begebenheit“ erzählt und es findet ein Spiel zwischen Ordnung und Chaos statt. Das sind die zentralen Merkmale der Geschichte, die Ingmar Bergman bereits 1965 unter dem Namen „Die Menschfresser“ entwarf, aber erst drei Jahre später zu einem Kinofilm verarbeitete. Erzählt wird die Geschichte eines getriebenen Künstlers, der gegen seine Umwelt und seine inneren Dämonen antritt, und seiner Frau. Bergman wusste aus eigenem Erleben, wovon er in dem Film berichtet – vermutlich nicht in diesem mörderischen Maße, aber anscheinend genug, um Momente seiner Künstlerbiografie zu einer spannenden Horrorvision zu verdichten.

Im Zentrum steht die Beziehung zwischen Johan und Alma. Ihre tiefe Bindung, die Alma zweimal anspricht, gibt eine einigermaßen schlüssige Lesart des Films. „Wenn zwei Menschen lange Zeit zusammenleben, werden sie sich immer ähnlicher. Sie teilen Gefühle, Gedanken und Träume.“, stellt Alma fest. Aber auch die Alpträume, könnte man ergänzen. Nicht nur Johan, auch seine Frau wird von seinen Dämonen heimgesucht. Ihr zu Beginn als authentisch eingeführter Bericht wird zum Spiel mit der Wahrheit. Gibt es die andere Seite der Insel mit dem Schloss überhaupt? Gab es jemals einen Johan? Kaum kann der Zuschauer zwischen Realität und Manie unterscheiden. Das macht den Film für den Betrachter über weite Strecken nicht leicht zugänglich.

Liv Ullman und Max von Sydow, die zu den Stammschauspielern bei Bergman gehören, zeigen, welch große Schauspielkunst sie beherrschen. Besonders eine Szene bleibt im Gedächtnis. In Echtzeit stellt Bergman darin dar, wie lang eine bewusst wahrgenommene Minute sein kann. Johan und Alma sitzen inmitten einer schlaflosen Nacht am Tisch und er zählt die Sekunden. Der Schmerz in Johans Gesicht gibt einen Eindruck vom Kampf, den der Maler jede Nacht zu führen scheint. Das ist grandios und könnte zu einem Diskurs über Zeitdarstellung im Film beitragen.

Das Bergman-Untypische an „Die Stunde des Wolfs“ sind die Horrorelemente, die ihn zu einem der düstersten Werke des schwedischen Regisseurs macht. So findet man darin auch Anleihen aus klassischen Horrorfilmen. Wie Vampire versammeln sich die Inselbewohner im Schloss, scharen sich laut kreischend um ihre Opfer. Der Schlossherr hat eine erschreckende Ähnlichkeit mit dem legendären Dracula-Darsteller Bela Lugosi. Bald stürzen sich die Blutsauger auf die Gäste – aber nur im übertragenen Sinn. Sie verhöhnen und verspotten den Künstler und stellen ihn vor seiner Frau bloß. Bergmans ursprünglicher Filmtitel „Die Menschenfresser“ bekommt eine symbolische Bedeutung. Die Menschenfresser sind die personifizierten Ängste und Qualen einer schizophrenen Person. Der Titel eines anderen Autorenfilmklassikers kommt dabei in den Sinn: „Angst essen Seele auf“.

Im zweiten Teil werden die Dämonen aufdringlicher. Sie manifestieren sich nicht nur in den Gestalten im Schloss, sondern auch in der Musik. Mit Lars Johan Werles futuristisch angehauchter Untermalung, die an die Atonalität einer Schönberg-Komposition erinnert, wird die Bildsprache, welche von starken Schwarz-Weiß-Kontrasten lebt, um einiges furchterregender. Bergmans ausgezeichneter Kameramann Sven Nykvist, der später auch für Woody Allen arbeitete, versteht es, eine klaustrophobische Atmosphäre zu schaffen, die zugleich beklemmend und soghaft ist. Auch das Spiel mit Licht und Schatten ist eher unkonventionell für Bergmans Regiearbeit. Eine Szene sticht formal aus dem Film heraus, weil sie Bergman durch bewusste Überbelichtung markiert. Johan erschlägt an einem felsigen Strand einen Jungen mit einem Stein und versenkt ihn im Meer. Hierin ist auch die am Anfang erwähnte „unerhörte Begebenheit“ zu finden, die man sowohl rückblickend als Auslöser als auch als Zäsur und Höhepunkt der Handlung betrachten kann.

Bergman in Horror-Version.

von Markus Wuttke



Johan: Max von Sydow

Alma: Liv Ullmann

Regie: Ingmar Bergman | Schweden, 1968

Länge: 84 min | FSK: ab 16 | Buch: Ingmar Bergman | Kamera: Sven Nykvist | Szenenbild: Marik Vos | Schnitt: Ulla Ryghe | Produktion: Lars-Owe Carlberg