Die Spaziergängerin von Sans-Souci


Handlung

Max Baumstein leitet erfolgreich die Menschenrechts- organisation Solidarité Internationale. Als er ohne jede Vorwarnung bei einem Treffen den Botschafter von Paraguay erschießt, drängen seine Frau Lina und die entsetzte Öffentlichkeit auf eine Begründung für diese schreckliche Tat. Vor Gericht und alleine mit seiner Frau beginnt Max Baumstein von seiner Vergangenheit als Kind aus jüdischem Hause zu erzählen.

Seine Geschichte beginnt vor fünfzig Jahren, im Jahre 1933 in Berlin, wo sein jüdischer Vater am helllichten Tag von einer Gruppe SA-Männer vor seinen Augen zu Tode geprügelt wird. Die Deutsche Elsa Wiener, die diese grausame Tat mit ansehen muss, nimmt den kleinen Max, der nun Waise ist, bei sich auf. Zusammen mit ihrem Mann Michel, der als Besitzer einer Druckerei NS-kritische Schriften veröffentlicht, kümmern die beiden sich von nun an liebevoll um Max. Als es für die kleine Familie in Nazi-Deutschland nicht mehr sicher ist, ziehen Elsa Wiener und der kleine Max nach Paris, wohin Michel später nachkommen will. Doch seine Ankunft beginnt auf sich zu warten, das Geld wird knapp und so beginnt Elsa als Sängerin in einem Nachtlokal zuarbeiten, wo sie dem windigen, deutschen Botschafter Ruppert von Leggaert auffällt. Bei Michels Fluchtversuch aus Deutschland kann er dem Franzosen Maurice Bouillard Geld für seine Frau und seinen Ziehsohn Max mitgeben, er selbst schafft es nicht über die Grenze. Maurice Bouillard sucht Elsa Wiener auf, um ihr das Geld zu übergeben, und verliebt sich sofort in sie. Doch Elsa ist untröstlich über die Verhaftung ihres Mannes, aus Kummer verfällt sie immer mehr dem Alkohol und beginnt, als Prostituierte zu arbeiten. Ihr fehlt die Kraft, sich weiter um Max zu kümmern, den Maurice nun in seine Obhut nimmt.


Da macht ihr der deutsche Botschafter Ruppert von Leggaert das Angebot, dafür zu sorgen, dass ihr Mann Michel aus dem Konzentrationslager entlassen wird, wenn sie eine Nacht mit ihm verbringt. Und tatsächlich wird Michel freigelassen, er reist nach Paris und trifft sich dort mit seiner Elsa. Doch ihr Glück hält nicht lange. Nur kurze Zeit später lässt Ruppert von Leggaert die beiden auf offener Straße erschießen.

Max Baumstein trifft Ruppert von Leggaert nun fünfzig Jahre später als paraguayischen Botschafter wieder und tötet ihn im Affekt. Max Baumsteins Geschichte löst im Gerichtssaal Zuspruch und Beifall für den Angeklagten aus. Er wird auf Bewährung frei gelassen.

Meinung

Der Film „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ erzählt die Geschichte der Verarbeitung unserer nationalsozialistischen Vergangenheit am Beispiel des erfolgreichen, jüdischen Unternehmers Max Baumstein, den seine Vergangenheit einholt. Diese Vergangenheit hat weder Max Baumstein noch die Gesellschaft, in der er lebt, verarbeitet.

Regisseur Jacques Rouffio erzählt ein spannendes und wichtiges Thema. Auf die Geschichte von Max Baumstein hat ihn Romy Schneider selbst aufmerksam gemacht. Zu sehen ist sie in „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ in ihrer letzten Rolle und es ist gleich eine Doppelrolle. So spielt sie zum Einen überzeugend die zugrunde gehende Elsa Wiener, die dem jungen Max die Mutter ersetzt. Zum Anderen sehen wir sie in der Rolle der Lina Baumstein, Max Baumsteins Ehefrau, die sich aufopferungsvoll um ihren Mann bemüht. Tatsächlich schon ein wenig zu aufopferungsvoll, so dass ihre unkritische Unterwürfigkeit gerade für die umbrüchigen siebziger Jahre einen bitteren Beigeschmack erhält. Natürlich sind Max Baumsteins Worte an seine Frau am Ende des Films „Du bist ihr (Elsa Wiener) sehr ähnlich“ überflüssig, denn wie verstehen auch so, dass er sich jemanden gesucht hat, der an seine verehrte Ziehmutter erinnert.

Auch wenn die Geschichte spannend ist, der Film schafft es leider nicht, sie adäquat umzusetzen. Häufig wirken die Figuren nicht glaubwürdig, wir sehen ihnen durch den dichten Zigarettenrauch beim Spielen zu. Der Film schöpft die gesamte Siebziger-Palette mit seinen Zooms und Ransprüngen aus, die Masken der gealterten Leute im Gerichtssaal, die wir in jünger aus Max Jugendzeit kennen, sind schlecht gemacht und nicht überzeugend, was den zu künstlichen Eindruck des Films noch verstärkt.


Wirklich ergreifend ist die Szene des Wiedersehens von Michel und Elsa Wiener in Paris. Warum die beiden kurze Zeit später durch Ruppert von Leggaert umgebracht werden, bleibt unklar. Auch macht es sich der Film zu einfach, indem es auf jede noch so kleine nachvollziehbare Charakterisierung des Buhmannes Ruppert von Leggaert verzichtet. Der Film bezieht mit seinem Ende klar bis überdeutlich Position bzw. provoziert bewusst mit der These: Der Mörder eines schlechten Menschens, eines Nazis, der selbst viel Schlimmes zu verantworten hat, muss in unserem heutigen Rechtsstaat bzw. das der späten siebziger Jahre nicht zur Verantwortung gezogen werden. Die Taten würden sich ausgleichen, ein Mord gegen viele Morde, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Eine sehr fragwürdige Position, die die Rache verteidigt und gutheißt, und dabei jede Vorbildfunktion unseres Staates und Rechtssystems unerfüllt lässt.


Wichtiges Thema, gefährliche Aussage.

von Tora Stern



Max Baumstein: Michel Piccoli
Botschafter: Mathieu Carrière
Lina Baumstein: Romy Schneider
Junger Max: Wendelin Werner

Elsa Wiener: Romy Schneider
Michel Wiener: Helmut Griem
Maurice Bouillard: Gérard Klein

Regie: Jacques Rouffio | Frankreich, 1982

Länge: 110 min | FSK: ab 12 | Buch: Jacques Kirsner | Kamera: Jean Penzer | Ton: Claude Villand | Szenenbild: Georges Glon | Schnitt: Anna Ruiz | Musik: Georges Delerue | Produktion: Central Cinema Company Film (CCC), Elephant Productions, Films A2