Die kommenden Tage
Handlung
In einer nicht allzu fernen Zukunft ist das gesellschaftliche System zusammengebrochen. Ein dritter Golf-Krieg ist eingetreten, die EU existiert nicht mehr. Deutschland ist eine schwer bewachte Festung. Rein kommt keiner der aus den noch ärmeren Entwicklungsländern anlaufenden Immigranten, wer die Schutzmauer verlässt, tut dies auf eigene Gefahr. Laura geht diesen Schritt mit ihrem einjährigen Sohn, auf der Suche nach ihrem alten Bekannten Hans, ihrem letzter Halt in einer aus den Fugen geratenen neuen Zeit. Noch vor wenigen Jahren war Lauras Leben ein anderes. Mit ihrer Schwester Cecilia und deren Freund Konstantin lebt sie in einer Studenten-WG, distanziert von ihren reichen Eltern.
Doch die Sicherheit in Lauras behütetem Leben ist trügerisch. Ihre Ehe mit dem Ornithologen Hans geht in die Brüche. Vorbote eines weit größeren Zusammenbruchs, der sich über Deutschland zusammenbraut.
Meinung
Reizvoll ist nicht die zum Standardrepertoire des Endzeitthrillers zählende Grundidee der Handlung, sondern die zurückgenommene Art, in welcher Lars Kraume sie umsetzt. Die Apokalypse bricht nicht in Form einer bombastischen Naturkatastrophe über die Menschen herein, sondern schleicht sich heimlich in ihr Leben. Nur in Retrospektive ist der Niedergang für die Charaktere als alles verändernde Sezession erkennbar. „Die kommenden Tage“ begleitet der kontinuierliche Wegfall der unzähligen kleinen Luxusgüter, welche für die westliche Gesellschaft selbstverständlich geworden sind. Selbst bei Aldi sind die Regale leer und eine Kundin klaut einem die letzte Milchpackung aus dem Einkaufswagen. Die Taschen trägt ein Sicherheitsmann in die Wohnung, denn potentielle Diebe wollen Bedarfsgüter statt Geld. Schwarzmärkte florieren und an U-Bahnhöfen stehen bewachte Passierposten. Die erste Hälfte des Dramas ist eines der Familien und Beziehungen. Die filmische Kritik an der Bürgerfamilie beschränkt sich jedoch auf private Strukturen. Sozial werden Bürgertum, Elite und Kernfamilie als einzig stabilisierender Faktor eines zerfallenden Systems idealisiert.
Der in der erodierenden Gesellschaft auflodernde Terrorismus fällt über „Die kommende Tage“ mit grotesker Comic-Fratze her. „CAPITALISM KILLS LOVE“ steht im terroristischen Labor für biochemische Anschläge an der Wand, in Neon-Buchstaben, damit kein Zweifel an der systemfeindlichen Gesinnung bleibt. Unterschwellig bejaht die Handlung eine reaktionäre Verurteilung der vermeintlich dekadenten Gesellschaftsmitglieder. Solche tanzen in abgeschotteten Nobeletablissements auf dem Vulkan, bis die Bombe wortwörtlich unter den bösen Neo-Flappers und Gents hochgeht. Dass die materielle Elite in der Realität eben jene bürgerliche Elite ist, verleugnet „Die kommenden Tage“. Kraumes Gegenentwurf zu verruchten Ausschweifungen und Massenkonsum ist, in den Worten Lauras, „wie Heidi auf der Almhütte“ zu leben. Der überlange Plot verliert sich zunehmend in Klischees und reißerischen Elementen, bis von der vielversprechenden Prämisse nicht mehr als ein unausgegorenes Grundkonzept bleibt.
Gesellschaft und Dramatik geraten aus den Fugen.
Laura Kuper: Bernadette Heerwagen
Hans: Daniel Brühl
Cecilia Kuper: Johanna Wokalek
Konstantin: August Diehl
Regie: Lars Kraume | Deutschland, 2010
Länge: 129 min | FSK: ab 16 | Buch: Lars Kraume, Dr. Christina Kallas | Kamera: Sonja Rom | Produktionsdesign: Irina Kromayer | Musik: Christoph M. Kaiser, Julian Maas | Schnitt: Barbara Gies | Produktion: Matthias Glasner, Lars Kraume, Katrin Schlösser, Jürgen Vogel, Thomas Peter Friedl


Gurun Enslin erschießt Benno
Gurun Enslin erschießt Benno Ohnesorg. Die Parallelen zwischen den Filmfiguren Cecilia und Konstantin einerseits und den historischen Personen Gudrun Enslin und Andreas Baader andererseits sind augefällig. Und da setzt die Tatsache, dass Johanna Wokalek die Enslin in Der Baader-Meinhof Komplex schon einmal verkörpert hatte, nur noch das ranzige Sahnehäubchen auf. Nur dass im Film der Weg von der bürgerlichen Aufmüpfigkeit in den Terrorismus ein von den Figuren gewollter und geplanter ist. Es sind im Film keine prügelnden Jubelperser und kein schießwütiger Kriminalobermeister (und, wie wir heute wissen, IM des MfS) Karl-Heinz Kurras, die die Bildung eines terroristischen Untergrundes provozieren. Nein, die Revoluzzer beschließen, als Polizisten verkleidet einen Mord an einem unschuldigen Demonstranten zu begehen, um damit sich und die Massen zu radikalisieren. Und diese Demonstrantin ist dann noch nicht einmal unschuldig, weil sie auf die von Skrupeln geplagte und am Boden liegende Cecilia-Gudrun mit einer Dachlatte (Holger Börner lässt grüßen!) wild einprügelt. Es ist also auch noch Notwehr. Reaktionärer geht's nicht. Hat denn von den vielen namhaften Mitwirkenden keiner vor Vertragsunterzeichnung das Drehbuch gelesen?