Die Entbehrlichen
Handlung
„Wenn die das entdecken, muss ich ins Heim.“, sagt Jacob zu seinem Vater. Dieses Mal reagiert der aggressive Jürgen auf die vorwurfsvolle Stimme seines Sohnes nicht. Jürgen ist tot. Noch weiß es niemand, denn Jacobs Mutter Silke war schwerverletzt vor ihrem gewalttätigen Mann geflohen. Den 11-Jährigen ließ sie bei dem arbeitslosen Trinker zurück. In einer herunterge-kommenen Sozialwohnung lebt die Familie von Hartz IV, ohne Zukunft, Chancen, ohne falsche Illusionen. Jacob und seine Eltern wissen, dass sie es nie besser haben werden oder auch nur „gut“. Auf sich gestellt und mit der Situation überfordert, nimmt sich Jürgen das Leben. Jetzt liegt er hinter dem Sofa und verwest. Nun ist Jacob derjenige, der allein mit den veränderten Umständen umgehen muss.
Anders als sein Vater ist er fest entschlossen, alles irgendwie zu schaffen. Keinem Sorgen bereiten. Weder seiner Mutter, die er im Krankenhaus besucht, noch seine Großmutter Rosemarie, die trotz ihrer Anstrengung kaum helfen kann. Nicht ins Heim. Nichts verraten. Niemanden. Während in der Wohnung Papa liegt. Und aus Tagen Wochen werden.
Meinung
„An jenen Orten, wo der Traum einer Karriere und das Streben nach einem hoch bezahlten Job keine Rolle spielen, sondern wo es um das nackte Überleben geht, entstehen die Verhältnisse, in denen unsere Charaktere leben.“ In einem Statement vermittelt Andreas Arnstedt die Essenz seines Films und sein persönliches Anliegen dahinter. „Die Entbehrlichen“ ist ein schmerzvoll realistisches Porträt der Armut. Sein Debüt als Kinoregisseur realisierte der vor allem als Seriendarsteller bekannte Drehbuchautor und Produzent teils mit eigenen Geldmitteln. Das auf zahlreichen internationalen Festivals ausgezeichnete Drama basiert auf einem wahren Ereignis. Wochenlang lebte ein Kind mit der Leiche seines Vaters. Die Ausgangssituation klingt nach einem spekulativen Reißer. Doch im Zentrum der großteils in Rückblenden erzählten Handlung steht der Schrecken der Armut und die Gleichgültigkeit gegenüber jenen am Rand der Gesellschaft, wie dem Holocaust-Überlebenden Rott oder einem behinderten Zeitungsverkäufer.
Silkes und Jürgens Dasein ist ein endloser Kreislauf aus erfolglosen Behördengängen, Billigjobs und Arbeitslosigkeit. Die grotesken Sozialauflagen besitzen mitunter bittere Komik: Einen alten Trabbi hat die Familie noch. Für das Amt bedeutet das „vermögend“. Seinen Frust ertränkt Jacobs Vater im Alkohol. Sein Zorn entlädt sich gegen seine Familie. André Henickes nuancierte Darstellung enthüllt die seelische Verzweiflung des in seinem Verhalten oft abstoßenden Alkoholikers Jürgen. Seine Wutausbrüche sind Zeichen der Hilflosigkeit und des Selbstekels. Gefühle, die auch in seinem Sohn wachsen. Gewalt gehört für Jacob zum Alltag. Nur bei seiner Schulkameradin Hannah und der Großmutter findet der verschlossene Junge ein klein wenig Geborgenheit. Bei Hannahs wohlhabender Familie wird abends Sushi serviert. Laden sie Mitglieder der sogenannten bildungsfernen Schichten wie Jacobs Eltern dazu ein, dann nur, um ihnen ihre Unterlegenheit vorzuführen.
Die sich in sozialen Vorurteilen und Ausgrenzung niederschlagende intellektuelle Beschränktheit der Privilegierten zeigt „Die Entbehrlichen“ ebenso schonungslos wie jene der Unterschicht. Das Scheitern von Jacobs verzweifeltem Vorhaben ist von Anfang an absehbar, wie das gesellschaftliche Scheitern der Protagonisten. Doch das Ende von Jacobs alter Existenz birgt auch zaghafte Hoffnung. Schlimmer als bisher kann es nicht werden.
Die Elenden.
Jacob: Oskar Böckelmann
Jürgen: André Henicke
Silke: Steffi Kühnert
Rosemarie: Ingeborg Westphal
Hannah: Kathie Hahn
Gerhard Rott: Mathieu Carriere
Regie: Andreas Arnstedt | Deutschland, 2009
Länge: 95 min | FSK: ab 12 | Buch: Andreas Arnstedt | Kamera: Patricia Lewandowska | Musik: Contriva & Masha Qrella | Schnitt: Sylvain Coutandin | Produktion: Andreas Arnstedt, Questionmark Entertainment

