Die Eleganz der Madame Michel


Handlung

„Glückliche Familien ähneln einander. Jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ Nur zu gut weiß Madame Michel um die Wahrheit der Worte Leo Tolstois. Jeder der wohl-habenden Mieter des Pariser Wohnhauses, in welchem die gealterte Dame als Concierge arbeitet, hat sich mit der Leere seines Lebens abgefunden. Nur die kleine Paloma sieht das unerfüllte Leben ihrer Familie und Mitmenschen mit offenen Augen und folgt ihm mit dem Objektiv ihrer Kamera.


An ihrem zwölften Geburtstag will die Elfjährige jenem tristen Leben entfliehen. Die Tabletten dafür hat sie heimlich ihrer medikamentenabhängigen Mutter Solange entwendet.


In dem neuen Mieter Kakuro Ozu finden Paloma und Madame Michel unerwartet einen Gefährten. Der feinsinnige Japaner schließt Freundschaft mit der unglücklichen Paloma und ist fasziniert von Madame Michel. „Klein, hässlich und mollig“ beschreibt die Concierge sich vor Palomas Handkamera. Doch Herrn Ozu bleibt der gepflegte Geist hinter dem vernachlässigten Äußeren Madame Michels nicht verborgen. Verheißt seine Begegnung mit Madame Michels Katze den beiden nach japanischem Glauben Glück?

Meinung

„Sie haben das richtige Versteck gefunden.“, nickt Paloma Madame Michel mit wissendem Lächeln zu. Hinter den Dingen verbirgt sich mehr, als mit bloßem Auge erkennbar ist. Dies ist die eigentliche Geschichte, welche Mona Achache in ihrer kongenialen Romanverfilmung erzählt. Mit einem Igel vergleicht Paloma Madame Michel, die sich wie sie selbst mit ihrem Kater und ihren Büchern hinter ihrer Schroffheit zurückzieht. „Die Eleganz des Igels“ heißt der von der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin frei verfilmte Erfolgsroman Muriel Barbrys über die missachteten Persönlichkeiten der Menschen hinter deren Fassade. Entrückt von der Gegenwart erscheint das luxuriöse Wohnhaus, in welchem Madame Michel als Concierge arbeitet. Die in ihrem Wohlstand vereinsamten Bewohner pflegen ihr Unglück abgekapselt in ihrem exklusiven Mikrokosmos. Palomas auf ihren Ausgängen im streng geschnittenen Kostüm auftretende Mutter spricht daheim umwallt von fließenden Gewändern und Medikamentennebel zu ihren Pflanzen, die scheinbar agile, ältere Nachbarin verirrt sich vor fremde Wohnungen. Nur wer sich die Mühe macht, hinter die sozialen Klischees zu blicken, erkennt die wahren Persönlichkeiten der Bewohner. Verbirgt sich hinter der eleganten Fassade der Mieter ihre Egozentrik, versteckt sich bei Madame Michel Intelligenz und Sensibilität hinter ihrer Grobheit. Als einzige Arme und Unscheinbarste im Haus wird sie im doppelten Sinne als „Unterschicht“ wahrgenommen.

Zudem eine Concierge, ein lebendes Negativstereotyp des französischen Kinos: Unfreundlich, ungepflegt, eine die „Ruhe!“ und „Frisch geputzt!“ bellt und liebenden Besuchern die Tür des „anständigen Hauses“ weißt. Äußerlich entspricht Madame Michel diesem Klischee, innerlich verkörpert sie dessen Gegenteil. Die Universalität ihrer mit leisem Humor erzählten Alltagsgeschichte unterstreicht Achache mittels unaufdringlicher inszenatorischer Nuancen. Der hinterste Raum Madame Michels´ bescheidener Wohnung dient als Bibliothek. Die als Putzfrau und Hausdienerin wahrgenommene Frau ist kulturell gebildet und aufgeschlossen. So braucht es einen Fremden, den Japaner Herrn Ozu, um unter ihre abweisende Hülle vorzudringen. Eine Tolstoi-Ausgabe, welche er Madame Michel schenkt, ist in groben Stoff geschnürt, der von innen mit roter Seide gefüttert ist. Die Wahl des Geschenks und dessen Verpackung sind stumme Botschaften an die Concierge, dass ihm die „Eleganz der Madame Michel“ nicht verborgen bleibt. Die zögerliche Romanze, welche sich zwischen dem gealterten Paar entspinnt, erzählt die zurückhaltende Komödie ohne sentimentalen Gefühlskitsch. „Sie hat mich nicht erkannt.“, sagt die ausnahmsweise vornehm gekleidete Concierge, als eine Mieterin sie höflich grüßt. „Weil sie Sie noch nie gesehen hat.“, entgegnet Herr Ozu. Nur die kindliche Offenheit und geistige Reife vereinende Paloma lässt sich nicht von Äußerlichkeiten täuschen. Ein wenig von ihrer Geduld braucht es, um die Feinheiten in der unscheinbaren Alltagsgeschichte und ihren Protagonisten aufzuspüren. „Die Eleganz der Madame Michel“ enthüllt sich langsam in subtilem Humor und dem überzeugenden Ensemble der tragisch-komischen Romanze.

Das geheime Leben geschriebener Worte.

von Lida Bach



Madame Michel: Josiane Balasko
Paloma Josse: Garance Le Guillermic

Kakuro Ozu: Togo Igawa
Solange Jesse: Anne Brochet

Regie: Mona Achache | Frankreich, 2009

Länge: 99 min | FSK: ab 6 | Buch: Mona Achache | Kamera: Patrick Blossier | Szenenbild: Yves Brover | Musik: Gabriel Yared | Schnitt: Julia Gregory | Produktion: Anne-Dominique Toussaint