Deutschland, bleiche Mutter
Handlung
Der zweite Weltkrieg steht vor der Tür, doch gibt es noch immer Menschen, die versuchen, fern ab allen politischen Treibens ein normales Leben aufzubauen. Zu ihnen gehören die junge Lene und der Angestellte Hans. Ihr Glück hält nur kurz, denn bald nach ihrer Heirat erhält Hans den Einberufungsbefehl. Während Lenes Mann in Polen auf dem Feldzug ist und sie ihn nur noch bei den seltenen Heimaturlauben sieht, muss Lene zu Hause alleine den Alltag meistern. Ihre Tochter Anna wird unter den Bomben eines Fliegerangriffes geboren und wächst auf der Flucht durch Deutschland an der Seite ihrer Mutter auf. Lene entwickelt sich zu einer starken, selbstbewussten Frau und schafft es, Anna und sich lebend durch die gefährlichen Kriegsjahre zu manövrieren. Nach Kriegsende kommt Hans wieder nach Hause. Der Versuch, zur Normalität zurück zu kehren, scheitert, da sowohl Lene als auch ihr Mann nicht mehr die alten Familienrollen übernehmen können und wollen.
Nach einem Anfall, welcher Lenes linke Gesichtshälfte lähmt, verlässt sie der Lebenswille. In letzter Sekunde gelingt es Anna, ihre Mutter davon abzuhalten, sich mit Gas umzubringen.
Meinung
„O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie sitzest du besudelt
Unter den Völkern.
Unter den Befleckten
Fällst du auf.“
So lautet der erste Vers aus Bertold Brechts bekanntem Gedicht „Deutschland“ von 1933, welches bis zum heutigen Tage Anstoß für zahlreiche künstlerische Interpretationen gibt. Der Komponist Hans Eisler ließ sich in seiner Deutschen Symphonie von Brecht beeinflussen und auch der Bildhauer Fritz Cremer bezieht sich mit seiner bronzenen Frauenfigur für das KZ Mauthausen aus den Jahren 1964/65 direkt auf Bertold Brechts Gedicht. Die Regisseurin Helma Sanders-Brahms interpretierte „Deutschland“ auf ihre ganz eigene Weise. Die deutsche Filmregisseurin machte sich primär in der 68er-Bewegung einen Namen. Mit ihrem Debütfilm „Unter dem Pflaster ist der Strand“ über die Arbeitsbedingungen und die Situation der weiblichen Bevölkerung in Westdeutschland schuf sie sich einen zentralen Platz in der Frauenbewegung Deutschlands. Mit „Deutschland, bleiche Mutter“ von 1980 gelang Sanders-Brahms der Sprung zur weltweiten Berühmtheit als gefeierte Regisseurin.
Zu Anfang des Spielfilms steht Brechts Gedicht. Die Regisseurin bezeichnet dies als ein prophetisches Werk, da es lange vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges eine genaue Darstellung der kommenden Ereignisse schilderte und es, laut Sanders-Brahms, eine zentrale Bedeutung für Deutschland spielte und noch immer inne hat. Die Rolle der Lene wird von Eva Mattes charakterisiert, welche zuvor vor allem im Theater und als Synchronsprecherin tätig war. Ursprünglich sollte Angela Winkler die Rolle der Lene übernehmen. Da die Erzählung eine autobiographische Komponente der Regisseurin inne hat, legte diese viel Wert auf die Ähnlichkeit der Schauspielerin mit ihrer Mutter. Eva Mattes kommt dieser zwar nicht ebenso nahe wie Winkler, spiegelt dafür aber den Charakter der Mutter eins zu eins wieder. Die Handlung wird von der Off-Stimme Annas begleitet, welche dem Zuschauer parallel zum Film ihre Erlebnisse und die ihrer Mutter Lene schildert.
In die Handlung sind zahlreiche Dokumentaraufnahmen von Deutschland während und nach dem zweiten Weltkrieg mit eingeflochten. Die Szenen aus den National Art Archives Washington gehören zu den ersten existierenden Farbaufnahmen, welche dem Zuschauer zusätzlich die grausame wie auch fast schon surreal schöne Realität der Bilder des Zeitgeschehens vor Augen führen sollen. Während einer Szene spricht Lene mit einem kleinen Jungen, der nach dem Krieg auf der Suche nach seiner Familie ist. Dieser Junge stammt aus den Archivaufnahmen und wurde tatsächlich von einem englischen Reporter interviewt. Sanders-Brahms synchronisierte seine Antworten, ließ aber in der Aufnahme erkennbar, dass es sich um Dokumentarmaterial handelt und verwob Fiktion und Realität miteinander in einer Szene.
In Deutschland fand die Erzählung um den Überlebenskampf einer Frau im zweiten Weltkrieg nicht überall Anklang. So wurde er als zu sentimental und unter einem allzu subjektiven Blickpunkt gedreht kritisiert. Der Film wurde auf der Berlinale 1980 uraufgeführt. Obwohl der Film bei der Preisverleihung leer ausging, brachten ihm die Zuschauer eine vierminütige Standing-Ovation dar, was jeder Auszeichnung ebenbürtig war. Auf dem Frauenfilmfestival in Créteil, Frankreich, gewann „Deutschland, bleiche Mutter“ den Hauptpreis. Helma Sanders-Brahms schuf mit ihrem Spielfilm eine Hommage an die Frauen, welche aus den Trümmern des zweiten Weltkrieges auferstanden sind und mit ihrer Stärke und ihrem Willen, zu überleben, den Grundbaustein zu einem neuen Deutschland schufen.
Eine Huldigung an die Mutter.
Lene: Eva Mattes
Hans: Ernst Jacobi
Anna: Anna Sanders, Sonja Lauer, Miriam Lauer
Regie: Helma Sanders-Brahms | Deutschland, 1980
Länge: 118 min | FSK: ab 16 | Buch: Helma Sanders-Brahms | Kamera: Jürgen Jürges, Renato Fortunato | Szenenbild: Götz Heymann, Antje Petersen | Schnitt: Uta Periginelli, Elfie Tillack, Hazrath Bey Jusia | Musik: Jürgen Knieper | Produktion: Walter Höllerer, Helma Sanders-Brahms

