Der Vagabund und das Kind
Handlung
Eine verzweifelte Mutter kommt mit ihrem frischgeborenen Baby aus dem Armenkrankenhaus. Der Vater des Kindes ist ein mittelloser Künstler und kümmert sich nicht um Frau und Kind und so sieht sie keinen anderen Ausweg, als ihr Baby in einem Auto vor einem wohlhabenden Haus auszusetzen. Doch dann kommt alles anders als geplant: Zwei Gangster klauen das Auto und entsorgen das Kind kurzerhand an der nächsten Straßenecke. Dort findet es der "Tramp" Charlie. Er hebt das Kind auf und will es auch gleich wieder loswerden, doch nach mehreren erfolglosen Versuchen, sich des unerwünschten Begleiters zu entledigen, nimmt er es schließlich zu sich. Sechs Jahre später sind die beiden ein eingespieltes Team und bestreiten ihren Lebensunterhalt damit, dass der Junge Fensterscheiben einwirft, während sein Ziehvater zufälligerweise mit einem Stapel neuer Scheiben auf dem Rücken daherkommt. Das geht solange gut, bis der Junge krank wird und der Arzt die Behörde darauf aufmerksam macht, dass Charlie gar nicht der Vater des Kindes ist. Das Kind soll ihm weggenommen werden, die Situation eskaliert und nur nach einem bestialischen Kampf und einer Flucht über die Dächer kann Charlie verhindern, dass der Junge ihm weggenommen wird.
Doch als sie die Nacht im Armenhaus verbringen, erkennt der Wächter den Jungen und liefert ihn an die Polizei aus. Charlie hat einen Traum, in dem er sich selbst als Engel erscheint und davon träumt, wie das Böse in die Welt kommt und die friedliche Szene im Paradies in eine wüste Schlägerei mündet. Schließlich wird aber doch noch alles gut. Die Mutter des Kindes, inzwischen ein Star, findet ihren verloren geglaubten Sohn wieder und erkennt ihn auf Grund eines Abschiedsbriefs, den sie damals hinterlassen hatte. So kommt das Kind zu ihr zurück und Charlie wird in ihrem wohlhabenden Anwesen aufgenommen.
Meinung
Charlie Chaplin hatte große Probleme mit seinem ersten großen Film "The Kid". Die First National wollte von ihm lieber die gewohnten und erfolgreichen 2-reeler (Viertelstundenfilme) und auch die Mischung aus Tragik und Komik begeisterte die Produktionsfirma nicht besonders. Auch in Chaplins Privatleben ging es ziemlich drunter und drüber. Die Scheidung von seiner ersten Frau Mildred Harris stand an; dabei war die Inspiration zu dem Film angeblich vom Tod seines ersten Sohnes wenige Tage nach der Geburt gekommen. Chaplin gelang es schließlich, seine Geldgeber mit dem erst sechs Jahre alten Jackie Coogan zu überzeugen, der die Rolle des Kindes spielen sollte. Coogan war schon bühnenerfahren, seine Eltern arbeiteten beide als Varietéartisten und hatten keine Skrupel, den kleinen Jackie schon im zarten Alter von vier Jahren mit auf die Bühne zu nehmen. Chaplin verstand sich mit dem Jungen auch außerhalb des Sets hervorragend. Die beiden spielen außerordentlich exakt zusammen und ihre überbordende Spielfreude ist in jeder Szene zu spüren. Dabei war Chaplin schon damals dafür bekannt, am Set extrem perfektionistisch zu sein und seinen Darstellern enorme Ausdauer abzufordern. Von Müdigkeit ist allerdings nichts zu spüren, von perfektem Timing dafür aber umso mehr. Die Sequenz etwa, in der Chaplin und der Junge sich ein Bett teilen und gegen die Diebstahlversuche ihres Bettnachbarn (gespielt von Coogans Vater!) zur Wehr setzen müssen, ist ein Meisterstück an Slapstick. Auch in der Sequenz, in dem der Junge sich einen Boxkampf mit einem größeren Junge liefert, beinhaltet keine einzige Bewegung zu viel oder zu wenig.
In "The Kid" kann Chaplin auch zum ersten Mal einen weiteren Erzählbogen auspacken. Zum ersten Mal kommt hier seine Fähigkeit wirklich zum Tragen, komische und tragische Elemente zu kombinieren. Wie präzise Chaplins Storytelling ist, hebt auch Abbas Kiarostami hervor, der in einem Interview erzählt, wie sehr ihn beeindruckt hat, dass die Geschichte rein visuell erzählt wird. Und so wenig die Kamera sich durch Extravaganzen hervortut, so präzise und klar ist doch Chaplins Bildsprache, die in diesem Film zum ersten Mal die Chaplin-typische Geradlinigkeit erreicht. Chaplin arbeitet wie immer mit starken Kontrasten zwischen Arm und Reich, zwischen Gut und Böse (hier besonders der Mann von der Jugendbehörde), ohne dabei ganz so sentimental zu werden wie in manchen seiner späteren Filme. Chaplin war wohl bewusst, dass er selbst schon am besten wüsste, wie der Film auszusehen hätte. Als er spitzbekam, dass ihm der Schnitt weggenommen werden sollte, floh er mit dem Material nach Salt Lake City und später nach New York, um den Film ganz nach seinen Vorstellungen im Geheimen fertigzustellen. Es sollte sich auch für die First National auszahlen: Der Film wurde ein riesiger internationaler Hit. Außerdem ebnete er Chaplin den Weg zu weiteren langen Filmen. United Artists war schon gegründet, und dort sollte er dann die nächsten Projekte produzieren.
Während Chaplin auf seinem Weg weiterging und bald die zum Zeitpunkt des Films erst dreizehnjährige Lita Grey heiratete, die den verführerischen Engel in der Traumsequenz spielt, sollte Jackie Coogan nie mehr an diesen künstlerischen Erfolg anknüpfen können; später wurde er bekannt als Uncle Fester von der Addams Family.
Der erste "große" Chaplin.
The Tramp: Charles Chaplin
The Kid: Jackie Coogan
Mutter: Edna Purviance
Polizist: Tom Wilson
Engel: Lita Grey
Regie: Charles Chaplin | USA, 1921
Länge: 60 min | FSK: o.A. | Buch: Charles Chaplin | Kamera: Roland H. "Rollie" Totheroh, Jack Wilson | Szenenbild: Charles Hall | Schnitt: Charles Chaplin | Musik (re-release): Charles Chaplin | Produktion: Charles Chaplin

