Der Solist


Handlung

Zwei Saiten sind Anthony Ayers auf seiner Geige geblieben. Die Anderen sind gerissen, genau wie seine Nerven. Doch die Verblieben genügen, um seiner Geige wunderbare Töne zu entlocken und sie berühren den verhärteten Kolumnisten Steve Lopez. Nachdem er eine Kolumne über den psychisch kranken Straßenmusiker Anthony Ayers verfasst hat, versucht er, ihn wieder in ein normales Leben einzugliedern. Doch Ayers will weder in ein Sozialprojekt noch in einer Wohnung leben, er hat Angst, vor Publikum zu spielen, und will seine groteske Kleidung nicht ablegen.


Neben Ayers musikalischem Talent entdeckt Lopez dessen aggressive, verstörte Persönlichkeitsseite – eine Facette, welche nicht nur ihm gefährlich werden kann.

Meinung

Man spürt sofort, Ayers ist eines dieser verschrobenen Genies, der verlorenen Wunderkinder, welche das Kino so gerne hat. Lopez will Ayers Geschichte erzählen und Andere dessen Musik hören lassen. Insgeheim will er auch ein wenig Ruhm und Geld und sich als guter Mensch fühlen. Ähnlich verhält es sich mit Regisseur Joe Wright. Ein hilfsbedürftiger Mensch, ein engagierter Reporter, der insgeheim immer noch seiner Ex-Frau nachtrauert, ein wenig Sozialdramatik und eine Hoffnungsbotschaft. Wenn es im wahren Leben für Lopez zu einem Bestseller reicht, dann vielleicht auch für einen Kassenerfolg im Kino. In Dolby-Surround locken die Sinfonien von Ludwig van, wie ihn Lopez und Ayers nennen, als hätten sie zu oft "Clockwork Orange" gesehen, leichter Tränen hervor, als auf dem Papier. Fängt die Kamera zu schwelgerischen Klassiktönen das bewegte Gesicht des Titelcharakters Jamie Foxx ein, ist dies pathetisch, nicht ergreifend. Sehenswert wird "Der Solist" durch Robert Downey, Jr., der als Lopez vor dem begnadeten Musiker Ayers kauert. In seiner Mimik stehen mehr Zweifel an seiner moralischen Unantastbarkeit, als "Der Solist" eingestehen will. Lopez vermeintlichen Altruismus motiviert Gewinnstreben. Mehrfach muss er den Künstler erpressen, damit Ayers zum Vorzeigesozialfall wird, den Lopez braucht. Nicht Anthony Ayers ist "Der Solist". Es ist Lopez, der verschlossene Einzelgänger. Nach außen erscheint er als erfolgreicher Reporter, tatsächlich macht er von Blutspende bis Hantieren mit Tierurin nahezu alles, um Reportagematerial zu bekommen.

Wer profitiert von wem? Um die Kernfrage drückt sich Regisseur Wright, weil er sie dann ebenso an sein Drama hätte richten müssen. Die wenigen sozialkritischen Momente verdankt "Der Solist" den realen Obdachlosen, welche in einzelnen Szenen gezeigt werden. Nicht Ayers sondern Lopez kennt die Realität des Straßenlebens und psychischer Erkrankung nicht. Der gut situierte Reporter begreift nicht, dass die anderen Obdachlosen Ayers Lumpenwagen tatsächlich auseinander pflücken würden, wenn er ihn zurück ließe, und versteht nicht, dass die Psychiatrie grausamer ist als die Wohnungslosigkeit. Statt sich auf die Gratwanderung zwischen Ausbeutung und Hilfeleistung zu konzentrieren, bedient "Der Solist" die filmischen Klischees des Sozialmelodrams. Kranke, Kinder und niedliche Tiere haben darin die magische Fähigkeit, Paare und Familien zusammenzuführen. Ayers betrachtet seinen Solisten mit der genüsslichen Befriedigung des Doktors, der in Georg Büchners Werk an "Woyzeck" experimentiert: Soziales Elend, psychische Krankheit und musikalisches Talent. Alles sehr schön ausgeprägt.

Falsche Tonlage.

von Lida Bach



Steve Lopez: Robert Downey, Jr.
Anthony Ayers: Jamie Foxx

Lopez´ Ex-Frau: Kathrine Keener

Regie: Joe Wright | USA, Großbritannien, 2009

Länge: 107 min | FSK: ab 12 | Buch: Susannah Grant | Kamera: Seamus McGarvey | Szenenbild: Sarah Greenwood | Schnitt: Paul Tothill | Musik: Dario Marianelli | Produktion: Russ Krasnoff