Der Räuber


Handlung

Das Gesetz verfolgt ihn, doch Johann Rettenberger ist schneller. Der geübte Langstreckenläufer ist durch intensives Training im Gefängnis, wo er wegen Raubüberfalls saß, zum Spitzensportler geworden. Seine Fähigkeiten nutzt Rettenberger zu weiteren Bankrauben. Mehrfach kann er durch seine sportliche Geschicklichkeit der Polizei entkommen. In den Achtzigern wird Rettenberger für kurze Zeit zum meistgesuchten Bankräuber Österreichs. „Der Räuber“ ist ein Getriebener, er muss in Bewegung sein, sei es beim Marathon oder auf der Flucht. Auch privat flieht er vor menschlicher Nähe. Nur seine Bekannte Erika kann ihm persönlich näher kommen.


Doch die Polizei und seine inneren Dämonen sind hinter Rettenberger her. Er muss laufen – bis in seinen Tod.


Meinung

Zuerst sind es kleine Runden auf dem Gefängnishof, nach seiner Entlassung ein Marathon. Neben seiner Trainingslaufbahn zieht auch Rettenbergers kriminelle Karriere immer weitere Kreise. Die Zielgerade erreicht der Titelcharakter nur beim Marathon. Persönlich tritt er auf der Stelle. Während seiner Haft sieht man Rettenberger in seiner Zelle auf dem Laufband joggen. Trotz eines Höchstmaßes an Energieaufwand kommt er nicht vom Fleck. Die Szene könnte symbolisch für den psychologischen Stillstand Rettenbergers stehen. Seine physische Agilität steht im krassen Widerspruch zu seiner geistigen Bewegungsunfähigkeit. Er scheitert, weil er sich in einem selbstgewählten Teufelskreis bewegt. Zwei Passionen übt „Der Räuber“ exzessiv aus: Laufen und Bankraub. Beidem geht er nicht aus materieller Notwendigkeit nach, sondern weil ihn eine unbestimmte Kraft dazu antreibt. “Man kann sich entscheiden.“, sagt Erika ihm in einer Szene. „Wenn man es nicht tut, heißt das etwas.“ Was erfährt man nicht. Woher „Der Räuber“ kommt, wohin er will, bleibt unklar. Nichts verrät „Der Räuber“ über seine Vergangenheit, Zukunftspläne hat er keine. Ohne Anfang und Ziel wirkt sein unablässiges Laufen wie eine Übersprunghandlung. Zuerst beeindruckt die sportliche Höchstleistung, auf Dauer wird sie so ermüdend wie das unablässige Trippeln einer Aufziehfigur. Er läuft und läuft und läuft. Auf der Leinwand ist das so faszinierend wie ein eineinhalbstündiger Durazell-Werbeclip. Welche Gefahren musste das wackere kleine Häschen auf seiner Reise durchstehen? Warum schlug es immer eine Trommel? Läuft es heute noch irgendwo herum? Wohl wahr, in der Unermüdlichkeit von kleinen Spielzeug-Hasen, Hamstern im Laufrad und Heisenbergs „Der Räuber“ muss bewunderungswürdiges Heldentum verborgen liegen!

Der reißerische Spitzname, den die Boulevardpresse dem realen Bankräuber Johann Kastenberger gab, auf dessen Fall Heisenbergs Drama basiert, fällt nie. „Der Räuber“ klingt nach Verbrecher aus verlorener Ehre, dem Rächer der Armen, Sturm und Drang. Besonders die letzte Assoziation war so stark, dass einige Kinobesucher den Filmtitel im Gespräch unbewusst in „Die Räuber“ änderten. Über eine Titelfigur namens „Pumpgun-Ronny“ denkt man weniger positiv. Auf den Nachrichtenbeitrag von Rettenbergers erstem Bankraub folgt ein Bericht über Bankenskandale. Das sind die wahren Gauner, scheint die Szene vermitteln zu wollen. Banker klauen Millionenbeträge, während „Der Räuber“ sich mit einer Tasche voll Scheinen begnügt. Warum wurde wohl das Wort „Bangster“ erfunden? Doch der Titelcharakter ist kein schelmischer Posträuber wie der Engländer Ronny Biggs, ein Robin Hood schon gar nicht. Seinen Bewährungshelfer erschlägt er in einem unbegründeten, überflüssigen Gewaltausbruch mit einer Marathontrophäe. Blutiger Lorbeer. Dass das Erbringen oder Verweigern einer sportlichen Leistung Ausdruck von Protest sein kann, stand schon in „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“. Heisenbergs schlechte Regie verhindert jedoch eine Identifikation. Sieht man den Titelcharakter nicht von hinten oder als Schattengestalt, trägt er eine Gesichtsmaske. Die Kameraeinstellungen erinnern an die Perspektive eines Ego-Shooters: Durch Gänge hetzen, über Zäune springen, Passantenslalom. Dramatisch wir das trotz klassischer Musik nicht. Gleich einem gejagten Wild kauert der Bankräuber schließlich von Polizisten umstellt am Waldboden. Das Kaninchen bin ich.

Ob es ihn erwischt, interessiert nicht. Lebendig wird der Charakter nie. Er sei tot, sagt er einmal, und würde aus dem Grab wiederkehren, vor lauter Energie. So prätentiös lässt sich „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ formulieren. Als Erika auf der Leinwand „Gute Nacht“ sagt, ist auch der Journalist auf dem Nebensitz eingeschlummert. Ähnlich äußerten einige Kritiker im Saal ihr Urteil. Gerannt wurde erst beim Verlassen des Kinos.

Dramatischer Langlauf ohne Tempo.

von Lida Bach



Johann Rettenberger: Andreas Lust
Erika: Franziska Weisz

Bewährungshelfer: Markus Schleinzer

Regie: Benjamin Heisenberger | Österreich, 2009

Länge: 96 min | FSK: ab 12 | Buch: Benjamin Heisenberg, Martin Prinz | Kamera: Reinhold Vorschneider | Szenenbild: Renate Schmaderer | Musik: Lorenz Dangel | Schnitt: Andrea Wagner, Benjamin Heisenberg | Produktion: Nikolaus Geyrhalter, Markus Glaser, Michael Kitzberger