Der Mittler
Handlung
In Norfolk, England um 1900, verbringt der 12-jährige Leo seine Ferien bei der Familie eines reichen Schulfreundes auf dem Land. Auf den ersten Blick verliebt er sich in die ältere Schwester Marian und versucht fortan, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Diese ergreift die Chance und beginnt ihn als Boten für die Korrespondenz zwischen sich und ihrem Geliebten Ted Burgess, einem benachbarten Landbesitzer, einzusetzen. Nicht ahnend, was in den Briefen steht, ist Leo, der sich inzwischen ebenfalls mit Ted angefreundet hat, erfreut darüber, den beiden einen Gefallen tun zu können.
Als Leo jedoch herausfindet, dass Marian verlobt ist und durch Zufall einen der Liebesbriefe liest, weigert er sich, weiterhin als Bote zu fungieren. Zudem schöpft Marians Mutter verdacht und beginnt Leo gegenüber argwöhnisch zu werden. Die Liebesgeschichte scheint unweigerlich auf eine Tragödie zuzusteuern.
Meinung
Das Sittengemälde basiert auf dem gleichnamigen Roman von L.P. Hartley über die edwardianische Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Regisseur Joseph Losey prägte mit „Time without Pity“ bereits 1951 den britischen Film Noir. Nicht zuletzt machte er sich mit Filmen wie „Modesty Blase“, einer Agentenfilmparodie, welche bis heute immer wieder gerne zitiert wird, einen Namen. Im Laufe seines Lebens erhielt Losey zahlreiche Auszeichnungen, darunter auch 1971 die Goldene Palme für „Der Mittler“. Die britische Klassengesellschaft wird von Losey ohne Rücksichtnahme wunderbar pointiert bloßgestellt. Absurde Zwänge und Regeln werden als eben solche entlarvt und dem Zuschauer in einer schlüssigen Handlung vorgeführt.
Die Familie von Leos Schulfreund Marcus scheint von der ersten Einstellung an ein perfektes Leben zu führen. Zudem nehmen sie großmütigerweise einen Jungen wie Leo, aus ärmlicheren Verhältnissen stammend, für den Sommer bei sich auf. Leo ist zu Anfang durchaus eingeschüchtert von dieser kontrollierten, feinen Welt der reichen Leute. Im Laufe der Handlung zeigen Losey und Drehbuchautor Harold Pinter in ihrer dritten und letzten Zusammenarbeit einen schleichenden Erkenntnisprozess Leos auf. Mit viel Ruhe und Gespür für den sich aufbauenden Spannungsbogen inszenieren Losey und Pinter diese gefühlvolle Erzählung, ohne ins Sentimentale abzugleiten.
Selbst auf dem Klimax der Geschichte, als Marcus Mutter, Mrs. Maudsley, zusammen mit Leo die beiden Verliebten beim Sex überrascht und dem Zuschauer nur in einer kurzen Einblendung gezeigt wird, dass sich Ted Burgees erschossen hat, bewahrt der Film seinen eher beobachtenden Charakter.
Margaret Leighton als strenge, immer die Form wahrende Mrs. Maudsley, gewann für ihre Rolle den British BAFTA Film Award als „Beste Nebendarstellerin“ und wurde für den Oscar nominiert. Gekrönt wird der Film von wunderschönen Landschaftsaufnahmen Norfolks und dem Anwesen der Familie, aufgenommen von dem Kameramann Gerry Fisher, welcher bereits in „Accident – Zwischenfall in Oxford“ mit Losey und Pinter zusammenarbeitete. Michel Legrand steuerte mit einem hervorragenden Soundtrack ein weiteres stimmungstragendes Element hinzu. Die Musik wechselt zwischen leichten, sorglosen und schwermütigen und unheilverkündenden Tönen. Legrand wurde in seinem Leben mit mehreren Auszeichnungen bedacht, darunter auch mit dem Oscar für den Soundtrack zu „Yentl“.
Eine bis ins letzte Detail perfektioniert dargestellte Gesellschaftsstudie. Eine Mischung aus britischer Noblesse oblige und griechischer Tragödie, worauf auch die Andeutung von Leo als Merkur hindeutet.
Auch blaues Blut hat Geheimnisse.
Leo Colston: Dominic Guard
Marcus Maudsley: Richard Gibson
Marian Maudsley: Julie Christie
Ted Burgess: Alan Bates
Mrs. Maudsley: Margaret Leighton
Regie: Joseph Losey | Großbritannien, 1971
Länge: 116 min | FSK: ab 6 | Buch: Harold Pinter | Kamera: Gerry Fisher | Szenenbild: Carmen Dillon | Schnitt: Reginald Beck | Musik: Michel Legrand | Produktion: John Heyman, Denis Johnson, Norman Priggen

