Der kleine Soldat


Handlung

Der französische Deserteur Bruno Forestier lebt zu Zeiten des Algerienkrieges in Genf, wo sich die französische Geheimorganisation einen erbitterten Kampf gegen arabische Agenten liefert. Ohne tiefgreifende politische Überzeugung arbeitet Bruno für Frankreich und soll in dessen Auftrag einen Radiomoderatoren umbringen, welcher angeblich die algerische Befreiungsfront unterstützt. Als Bruno Zweifel äußert und sich weigert, den Auftrag auszuführen, gerät er zwischen die Fronten. Zur selben Zeit lernt Bruno das russische Model Veronika Dreyer kennen und verliebt sich in die attraktive und geheimnisvolle Frau. Von seinen eigenen Leuten als Verräter bezichtigt, plant Bruno eine gemeinsame Flucht mit Veronika nach Brasilien, als er vom gegnerischen Geheimdienst gefangen genommen wird.


Nach stundenlanger Folter gelingt Bruno die Flucht, ohne etwas verraten zu haben. Er findet Zuflucht bei Veronika und es gelingt ihm, im Austausch für den Mord an dem Radiomodera-toren Reisepässe von den Franzosen zu bekommen. Was Bruno allerdings nicht weiß, ist, dass Veronika dem gegnerischen Geheimdienst angehört. Während er den Auftrag ausführt, wird Veronika von den Franzosen gekidnappt und bis zum Tod gefoltert.


Meinung

Mit „Der kleine Soldat“ schuf Jean-Luc Godard nach seinem bekanntesten Werk „Außer Atem“ seinen zweiten Langspielfilm. Bereits 1960 gedreht, kam „Der kleine Soldat“ auf Grund der Filmzensur in Frankreich erst 1963 stark gekürzt in die Kinos, nachdem 1962 die Unab-hängigkeit Algeriens anerkannt worden war. In Deutschland fand die Premiere erst 1966 statt.

Die Handlung von „Der kleine Soldat“ macht ein weiteres Mal deutlich, dass der Autorenfilmer Godard keinen Wert darauf legte, aktuellen Trends zu folgen. In seinem 2003 veröffentlichten Buch „Das Gesagte kommt vom Gesehenen“ stellt Godard seine Sicht auf das Medium Film dar. Oft radikal und schonungslos präsentiert er dem Zuschauer brisante gesellschaftliche und politische Themen mit mehr als einem Hauch Subjektivität, was den Aussagen jedoch nur noch mehr Gewicht verleiht. In seinen filmischen Werken macht der Autor und Regisseur die Zugehörigkeit zur Nouvelle Vague deutlich, indem er unvermittelt Musik- und Schrift-einlagen in seine collagenhaften Filme einfügt.

So findet sich der Zuschauer auch in „Der kleine Soldat“ in einem wahren Hagel aus literarischen und musikalischen Zitaten wieder. In seinen zahlreichen Monologen rezitiert Bruno über Politik, Ideale, Musik und Kino. Die Zitate erstrecken sich von Veronikas Namen „Dreyer“, nach dem dänischen Filmregisseur Carl Theodor Dreyer, über Bach und Aragon bis hin zu einer Huldigung des Kameramannes Raoul Coutard, indem das „Gesetz der maximalen Sauerei“ erwähnt wird. Auf die Literatur verweist ebenfalls Godards Anwendung des „Stream of consciousness“, des Bewusstseinsstroms, auf der visuellen Ebene. Godard lässt den Zuschauer an jedem noch so banalen wie auch ungeordneten Gedanken teilhaben und führt so eine zweite Ebene über der direkt zu sehenden Handlung ein.

Neben der eher im Hintergrund gehaltenen Liebesgeschichte zwischen Veronika und Bruno steht das politische Geschehen im Vordergrund. Wie die Darstellung der frisch aufkeimen-den Liebe des Protagonisten ist auch die Kriegsszenerie seltsam emotionslos eingefangen worden. Der Krieg, den die französische Armee gegen die Unabhängigkeitsbewegung in Algerien führte, ist auch in Genf über Zeitungsartikel, Attentate und Radiomeldungen präsent. Doch die Person des Bruno zeichnet sich dadurch aus, dass er sich nicht für die gesell-schaftliche und politische Situation interessiert. Vielmehr versucht er unabhängig von Politik zu einem Ideal zu finden, zu einer subjektiven Wahrheit. Auch in späteren Filmen traf Godard mit seinen Meinungsäußerungen auf Unverständnis. So wurde „Maria und Joseph“ von 1983 von dem Vatikan als blasphemisch bezeichnet und kam in vielen Ländern auf den Index.

„Der kleine Soldat“ verliert nicht an Aktualität in einer Welt der ständigen Konflikte. Gestern wie heute sind wir auf der Suche nach Individualität fern ab der politischen und gesell-schaftlichen Normen. Gestern wie heute können uns Godards Charaktere dazu anregen, über uns und unser Handeln nachzudenken.

Fotografie ist Wahrheit. Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.

von Moana Flamme



Bruno Forestier: Michel Subor

Veronika Dreyer: Anna Karina

Regie: Jean-Luc Godard | Frankreich, 1960

Länge: 84 min | FSK: ab 12 | Buch: Jean-Luc Godard | Kamera: Raoul Coutard | Schnitt: Agnès Guillemot, Lila Herman, Nadine Trintignant | Musik: Maurice Leroux