Der Himmel über Berlin


Handlung

Die beiden Engel Damiel und Cassiel beobachten von ihrer Parallelwelt aus die Menschen im geteilten Berlin. Auch wenn sie Einfluss auf sie haben können, ist es für sie unmöglich, in ihre Welt einzugreifen. Damiel sehnt sich nach einer menschlichen, materiellen Existenz. Er möchte nicht mehr nur Beobachter sein, sondern auch Dinge tun, die er als Engel nicht tun kann. Bald erblickt er die Zirkusakrobatin Marion und ist von ihr fasziniert. Als der amerikanische Schauspieler und ehemalige Engel Peter Falk Damiel andeutet, dass auch er Mensch werden sollte, beschließt er, dieses zu tun. Wie das genau geschieht, bleibt unklar. Nun kann er Farben sehen, spüren und schmecken. Doch ein letzter Schritt fehlt ihm noch, um das zu fühlen, wonach er sich gesehnt hat.


Marion ist sich sicher, Damiel, der ihr im Traum begegnet ist, zu finden und macht sich auf die Suche. In einer Bar begegnen sich die beiden und finden zu einander. Durch die Liebe vollendet Damiel den letzten Schritt zum Menschsein.

Meinung

Wim Wenders wollte mit diesem Film etwas machen, womit keiner, vor allem er selbst nicht, gerechnet hatte, eine Art Filmessay. Das ist ihm ohne Zweifel gelungen. „Der Himmel über Berlin“ schafft es, sich von der Geschichtenerzählerei zu lösen und das Augenmerk auf seine Form zu richten. Denn dieser Film ist mehr Form als Inhalt, ein filmisches Kunstwerk. Die beiden Aspekte passen sich gegenseitig an, finden zueinander. Um die Sehnsucht nach dem Menschsein, die für die Handlung bedeutend ist, nachvollziehbar zu machen, muss die menschliche Welt durch die besondere Stimmung des Films erklärt werden. Das Besondere an diesem Film ist die Darstellung der Gedankenwelt, in der die Engel leben. In großartig gefilmten Schwarzweißbildern kommt man den Menschen in Berlin an den unterschiedlichsten Orten nahe. Man sieht unter anderem in die Altbauwohnungen, in einen Zirkus, auf eine Autobahn und auf verschiedene Drehorte eines fiktiven Films. Auch Bilder deutscher Vergangenheit werden in der Erinnerung von Figuren wach. Dabei laufen die Gedanken bruchstückhaft und leicht vernuschelt im Off. Oft muss man genau hinhören, um etwas zu verstehen. Doch gerade dadurch und durch den gedankenhaften Sprachrhythmus wirken sie sehr natürlich. Demnach hört man die ausländischen Figuren in ihren Muttersprachen denken. Auch die Gedanken der deutschen Figuren unterscheiden sich in ihrer formalen Art. So hört man bei einem Strichmädchen, das erfolglos am Straßenrand steht, einen leichten Berliner Dialekt. In diesem Punkt hätte man durchaus noch mehr mit Dialekten und Soziolekten arbeiten können, um die Personen und Milieus zu charakterisieren. Bemerkenswert ist, wie nachvollziehbar längere Gedankengänge ausgearbeitet sind. So assoziiert Peter Falk mit dem gelben Judenstern gelbe Sonnenblumen, van Gogh und Selbstmord.

Eine zweite Besonderheit ist die Spontanität dieses Films. Tatsächlich wurde er ohne ein festes Drehbuch gefilmt. Die Texte sind teilweise improvisiert. Die meisten Szenen sind daher austauschbar. Gerade das macht diesen Film aus. Er lässt sich Zeit. Sein Ziel ist es nicht, die Handlung voranzutreiben, sondern das Erzählen selbst. Einige Szenen haben allerdings ihre Längen, zum Beispiel eine Zirkusnummer von Marion, hier wäre weniger mehr gewesen. Die Gespräche der Engel oder auch zwischen Marion und Damiel sind stark verfremdet, was gut zur Stimmung des Filmes passt, manchmal aber etwas lang. Sehr schön ist Peter Handkes Lied vom Kindsein, das stellenweise über den ganzen Film verteilt von Bruno Ganz aus dem Off gelesen wird.

Der Film zeigt die Stadt Berlin sowohl mit ihren Details als auch als Stadt an sich. So sieht man des öfteren Panoramen der Stadt, lange Kamerafahrten und sämtliche Aufnahmen aus der Vogelperspektive. Man merkt, dass der Film auch eine Liebeserklärung an Berlin ist. Gut dargestellt ist auch der Unterschied von Gedankenwelt zur realen Welt durch den Wechsel von Schwarzweiß zu Farbe. Engel können im Gegensatz zu Menschen keine Farben sehen. Musik spielt wie in den meisten Wim Wenders Filmen keine unwichtige Rolle, doch die meiste akustische Schönheit des Films kommt durch die Sprache. Verschiedene Sprachen von Englisch bis Japanisch, die gedankenhaften Off-Stimmen, die sich manchmal überlagern, einfache Gespräche von Nebenfiguren im Gegensatz zu den sprachlich hohen und verfremdeten Dialogen und Monologen, das alles hat etwas Musikalisches. Einiges im Film ist für den Zuschauer etwas schwer verständlich, wie die Rolle des ewigen Erzählers Homer oder die Bibliothek als Hauptsitz der Engel zu erkennen. Doch der Reiz des Films liegt darin, den Alltag auf eine fantastische Weise zu erleben. Erst durch diese bildhafte Sprache kann man den Film verstehen und sich hineinfühlen.

Originelle Darstellung eines fantastischen Alltags.

von Steffen Wunder



Damiel: Bruno Ganz
Marion: Solveig Dommartin
Homer: Curt Bois

Cassiel: Otto Sander
Der Filmstar: Peter Falk

Regie: Wim Wenders | Deutschland, Frankreich, 1987

Länge: 122 min | FSK: ab 6 | Buch: Peter Handke, Richard Reitinger, Wim Wenders | Kamera: Henri Alekan | Szenenbild: Heidi Lüdi | Schnitt: Peter Przygodda | Musik: Jürgen Knieper | Produktion: Anatole Dauman, Wim Wenders