Der große Diktator
Handlung
Im ersten Weltkrieg kämpft ein kleiner jüdischer Frisör. Als er bei der Flucht vor dem Feind gemeinsam mit seinem Kameraden Schultz mit dem Flugzeug abstürzt, verliert er sein Gedächtnis und kommt in ein Sanatorium. Zwanzig Jahre später kehrt er in seine Heimat zurück. Doch dort hat sich einiges geändert. Der Diktator Adenoid Hynkel hat die Macht in Tomanien übernommen und terrorisiert mit seinen Chargen das jüdische Ghetto, in dem der Frisör seinen Laden hat und wo auch seine Geliebte Hannah wohnt. Zunächst wehrt sich der mutige Barbier gegen die Sturmtruppe. Dank Schultz, der eine wichtige Position im Staat hat, werden er und seine Freunde verschont. Doch als sein alter Freund bei Hynkel in Misskredit fällt, kann er ihm nicht mehr helfen. Beide kommen in ein KZ, können aber in tomanischer Uniform fliehen. Auf Grund seiner Ähnlichkeit mit dem Diktator wird der Frisör mit ihm verwechselt und muss eine große Rede vor dem Volk halten. Er nutzt die Gelegenheit, zu Toleranz und Brüderlichkeit aufzurufen.
Meinung
„Darf man über Hitler lachen?“ – Diese Debatte geistert alle paar Jahre durch das deutsche Feuilleton. Während der Rest der Welt recht unverkrampft an die Sache herangeht – besonders die Briten: „Don´t mention the war!“ scheint hier nicht zu gelten - tun sich die Deutschen mit einer komischen Vergangenheitsbewältigung noch immer schwer. Dabei kann Humor vieles bewegen und auch bewältigen. Hitler selbst hat den Humor als Waffe gegen ihn stets gefürchtet. „Der große Diktator“ ist quasi der Vorreiter der filmischen Hitler-Satiren. Als der Film 1940 in die Kinos kam, war Hitler sieben Jahre an der Macht und verfolgte die Weltherrschaft und die Vernichtung der Juden. Kein Künstler von dem Rang Charlie Chaplins hatte sich zuvor an den politischen Zündstoff herangewagt – auch weil man höchstwahrscheinlich mit dem Leben dafür bezahlt hätte. Der gefeierte Weltstar Chaplin traute sich, laut Kritik zu äußern und zeigte Courage – mit seiner stärksten Waffe: der Komik. Der Film macht den Führer extrem lächerlich. Zeigt ihn und seine Chargen als grauenvolle Witzfiguren. Auch wenn die Szenen im Ghetto zu süßlich erscheinen, wird die Kritik an Hitler und seiner Juden-Politik deutlich. Da der Film 1940 entstand, kann man Chaplin keine Beschönigung der Tatsachen vorwerfen, sondern lediglich einen begrenzten Blick auf das Verbrechen, den er mit dem Großteil der Welt zu dieser Zeit teilte. Erst fünf Jahre später kam das wirkliche Ausmaß des Antisemitismus ans Licht. Chaplin meinte später, dass er den Film nie gemacht hätte, wenn er von dem Grauen in den KZs gewusst hätte.
Mit famosen Slapstick-Einlagen und poetischen Momenten wie dem Tanz des Diktators mit der federleichten Weltkugel, gelingt es Chaplin, der bissigen Politsatire eine Leichtigkeit zu geben. Perfekt beherrscht er die Klaviatur von unterhaltend bis ernst. Ungewöhnlich ist sein Einsatz von Sprache in dem Film. „Der große Diktator“ ist der erste wirkliche Tonfilm des Komikers, in dem dialogisch gesprochen wird. Chaplin nutzt Sprache als Träger von Emotionen. In einigen Szenen kommt es nicht darauf an, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Seine Wurzeln im stummen Spiel, sprich sein Gespür für Gesten, sind darin noch deutlich spürbar. So funktioniert auch sein Hitler-Portrait größtenteils über die zentralen Stilmittel des Stummfilms: Mimik und Gestik. Mit einer unverständlichen Kunstsprache, die Chaplin selbst erfand, unterstreicht er die visuellen Aussagen und lässt Hynkel zum Volk sprechen, schreien, bellen – bis sich sogar die Mikrofone vor Abscheu von ihm abwenden. Wenn sich der Frisör am Ende dem versammelten Volk zuwendet, ist es Chaplin selbst, der sein Publikum anspricht. Mit dem Plädoyer für Toleranz appelliert er an uns. Was damals, als der Film in die Kinos kam, von höchster politischer Bedeutung war und bewusst auf die Gegenwart des dritten Reichs bezogen, kann heute als Warnung verstanden werden.
Die Mutter aller Hitler-Satiren.
Frisör: Charles Chaplin
Hynkel: Charles Chaplin
Hannah: Paulette Goddard
Schultz: Reginald Gardiner
Napaloni: Jack Oakie
Garbitsch: Henry Daniell
Regie: Charles Chaplin | USA, 1940
Länge: 125 min | FSK: ab 6 | Buch: Charles Chaplin | Kamera: Karl Struss, Roland Totheroh | Szenenbild: J. Russell Spencer | Schnitt: Willard Nico, Harold Rice| Produktion: Charles Chaplin

